Weinmesse Strasbourg  2017

Weinmesse Strasbourg 2017

Ja, wir waren da. Gleich am Freitag. Und mit uns Tausende von Weinfreunden.
Und wir fragen uns wie schon viele Jahre zuvor, wie lange deutsche Winzer/innen-Organisationen wie der VDP noch zuwarten wollen, um von den französischen Kollegen zu lernen, wie man 1. erfolgreich und mit begrenztem logistischen, personellen und finanziellem Aufwand Wein verkauft. Wie man 2. die in diesen Zeiten nicht mehr unumstößlich zum Kulturgut zählende Produktgruppe der alkoholischen Getränke zum Zentrum eines publikumswirksamen Events machen kann, und das 3. in einem Ambiente, das seit mindestens einem Dezennium irgendwo zwischen dem Charme von Vorstadt-Tristesse, Abrissbirne und EU-Glamour hin- und hereiert.

Facts first
Es ist bis heute der entscheidende Pluspunkt dieser Veranstaltung, dass man in kürzester Zeit und mit geringstem Aufwand, den önologischen Kosmos des französischen Hexagons explorieren kann. Das war, ist und bleibt hoffentlich der Markenkern dieser Veranstaltungen der französischen Produzentenvereinigung „Vignerons independants“. Es dürfte wenig Orte geben, an denen man mühelos an geschätzt 2000 und mehr Flaschen vorbeidefilieren kann und – so Interesse besteht – sein Probierglas hinhält, um einen Schluck eingeschenkt zu bekommen. Für uns ist das die Volkshochschule der französischen Weinkultur zum Nulltarif. Wo gibt es so etwas in Deutschland? Und falls nicht, warum?

Reality sometimes bites – second
In den zurückliegenden Jahren sorgte die Terminierung Mitte Februar meist dafür, dass nasskaltes Wetter von der schwachen Klimaanlage der Ausstellungshalle 7.1 am Straßburger Wacken Höchstleistungen erforderte, um Frostverletzungen zu vermeiden. Wir haben Jahre erlebt, an denen das Winzerpersonal auf Styroporplatten stand, um sich vom eisigen Betonboden thermisch zu entkoppeln.

Dieses Jahr sah es anders aus. Vorfrühlingshafte Außentemperaturen verbunden mit den thermischen Emissionen von Tausenden von Besuchern sorgten für Salsa-Atmo in der Halle. Das war kein Problem für die in Kühlschränken temperierten Weiß-, Rosé- und Schaumweine. Doch für die Rotweine wurde es zum Desaster. Nur an den wenigsten Ständen begriffen die Produzenten, dass unter solchen Bedingungen auch Rotweine eine Kühlung brauchen, um beurteilbar zu bleiben, um ihr Potenzial zu zeigen und um letztlich den Kaufanreiz zu triggern. Das Ergebnis: Wir haben Rotweine verkostet, die so brühwarm waren, als wäre es ihre Bestimmung, auf dem nächsten Christkindlesmarkt als Glühwein zu enden. Unglaublich aber wir haben es erlebt: Weine die 15 €, 20 € und mehr pro 0,7-l-Flasche kosten, wurden uns so warm kredenzt, dass wir die Verkostung abbrechen mussten. Eine Beurteilung einfach nicht möglich.
Das ist ein Novum: Wann immer wir bei Winzern sind, die Herzblut in ihre Arbeit investieren, spüren wir, wie wichtig es ihnen ist, ihr Produkt unter optimalen Bedingungen zu kosten. Das fand bei unserer Runde im Wacken nur (bezogen auf den Rotwein) in zwei von zehn Fällen statt.

Think third: Value for money – money for value?
Was darf eine gute Flasche Wein kosten? Diese Frage hängt sehr davon ab, welche Kriterien man mit Güte verknüpft. So weit so relativ. Aber wenn ein bestimmter Wein eines bestimmten Winzers auf der letztjährigen Messe für 7 € verkauft und heuer für 8 € abverkauft wird, haben wir es mit einer Steigerung von deutlich über 10 Prozent zu tun. Wo – abgesehen von Piloten und Managern – können wir heute noch zweistellige Gehaltssteigerungen erwarten? Wohin tendiert das französische Wein-Business? Wer erlebt, wie sich die Portemonnaies der französischen Mittelschicht verschlanken, muss sich fragen, wie lange solche jährlichen Preissprünge noch akzeptiert werden. zell-on-air.de wird sich bemühen, von der veranstaltenden Dachorganisation der Vignerons independants hierzu konkrete Auskünfte zu erhalten.

The fourth market-force
Ja, ja das Internet. Es spült unser Kauf- und Konsumverhalten durch und manchmal auch weich. Obwohl die Betreiber von zell-on-air.de wahrlich nicht zu den Verweigerern des internet-basierten Kaufens gehören, ist es verwunderlich, wie nervig, langwierig und auch noch teuer eine Bestellung französischer Weine „du producteur au consommateur“ sein kann, falls letzterer nicht in einem gallischen sondern in einem teutonischen Dorf wohnt. „Wir liefern ab 12 Flaschen auch nach Deutschland“ stand auf einem Hinweiszettel eines Chateauneuf-du-Pape-Winzers zu lesen. Und auch der Tarif war angegeben 36 €. Das erhöht in diesem konkreten Fall die Rechnung nur marginal, da der von diesem Gut angebotene Wein mindestens so viel Schotter kostet, wie die wärmespeichernden Kieselbollen dieser Appellation groß sind. Dennoch scheint auch in dieser Hinsicht der Wandel des Handels noch nicht in den Köpfen der Handelnden angekommen zu sein. Eine Bestellung durchaus vergleichbarer Weine bei einem angesehenen Weinversender schlägt mit maximal 4,90 € zu Buche – mit Versandkostenfreiheit ab einem Bestellwert von 120 bis 150 €, was bei besagtem CndP-Winzer ab drei Flaschen aufwärts locker überschritten wird.

Take Five
Die Welt wandelt sich. Mit ihr wandelt sich auch die Weinwelt. Das haben alle – sozusagen vom Produzenten zum Konsumenten – zur Kenntnis zu nehmen und in ihrem Verkaufs- und Kaufverhalten zu berücksichtigen. Falls das nicht gelingt, werden solche Messen ihr eigenes Dinosaurier-Schicksal der Extinktion erleben. Zuerst im Westen und im Zentrum des Hexagons, zuletzt in Straßburg, wo francophile Weinliebhaber aus Deutschland vermutlich für die Hälfte des Besucherstroms sorgen. Und die deutschen Organisationen es einfach nicht schaffen (wollen?), aus einer guten Produktbasis mit einer guten Präsentationsidee ein gutes Einkommen zu generieren.

Und wie geht’s weiter?
Nun, das wüssten wir auch gern. Ein Zufall hat uns vor vielen Jahren an den Wacken gespült. Die Erfahrungen und Erlebnissse aus vielen Jahren möchten wir nicht missen. Die Begegnungen mit Menschen, die zwar vordergründig Wein, tatsächlich aber auch immer ein bisserl Herzblut einschenken, lassen keinen Zweifel zu: Da werden wir auch im nächsten Jahr auflaufen. Aber unser Einkaufsverhalten in diesem Jahr zeigt auch: Die Rahmenbedingungen ändern sich. Wir haben nur noch ein Drittel des Geldes investiert, welches wir in den Jahren zuvor in den Hallen über den Tresen geschoben haben. Nicht weil der Wein schlechter war, sondern weil die Kaufoptionen für Wein generell sich erheblich verbessert haben.

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2 Kommentare

  • Rainer Völkel - Montag, 20. Februar 2017

    Ich möchte mich den Worten des Verfassers uneingeschränkt anschliessen.

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  • Hannes - Sonntag, 05. März 2017

    wohl war!
    Die Weinmesse ist auch bei uns seit gefühltem „schon immer“ ein fester Bestandteil im vinologischen Jahreskalender. Allerdings gelang uns jetzt nur ein Kurztrip am Samstag. Dabei waren wir überrascht, dass der Andrang sich in Grenzen hielt. Doch in der Halle waren die Abwärmewerte auch uns zu heftig. Es stimmt, die Rotweine waren selten ernsthaft zu beurteilen weil fast immer soichwarm.
    So blieb es bei ein paar Standardeinkäufen bei jenen Stammwinzern, die seit Jahren solid, ehrlich und authentisch Qualität zu fairen Preisen bieten.
    Warum die deutschen Winzer trotz aller möglichen Marketinginitiativen, Gebietsvermarktungen, VdP-Getue etc. solch eine vielfältige, publikumswirksame und unterhaltsame Geschichte nicht hinbiegen? Kann ich mir nicht erklären, vielleicht ist das französische Format zu simpel und zu wenig schickimicki. Denn besonders witzig am Wacken ist doch auch, dass sich dort Publikum aller Sorten trifft, genau so unsortiert wie die Verteilung der Winzer in der völlig uncharmanten Halle.
    Vielleicht ist es erfolgreich, weil eigentlich alles gegen den Erfolg spricht?
    Wir fahren auch nächstes Jahr hin.

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