Ein erster Biss in die Apfelmusik

Ein erster Biss in die Apfelmusik

Seit letztem Dienstag strömen die Noten aus den Apfelservern von Apple Music. Seit gestern auch bis zu unseren Endgeräten.
Hier der erste Eindruck.

Einladende Geste
Drei Monate kostenlos probieren, danach 10 Euro für Einzelnutzer, 15 Euro für bis zu sechs „Familienmitglieder“, deren Deckel über eine Kreditkarte abgerechnet wird. Das ist mehrfach einladend – lange Testphase und der „Familenpass“ zu diesem Preis für maximal 12 Ohren wohl konkurrenzlos. Die Zwei-Ohr-Variante zumindest nicht teurer als bei der Konkurrenz. Nicht teurer zu sein als die Konkurrenz ist bei Apple eher selten. Unter Umständen sogar kostengünstiger zu sein, ist für dieses Unternehmen ein Novum. An einen altruistischen, eventuell familienpolitisch begründeten Akt in Cupertino wollen wir hier trotzdem nicht glauben. Das Unternehmen macht schlicht der Konkurrenz die Hölle heiß.

Look & Feel
Also, falls jetzt etwas Negatives folgen würde, wäre auch das ein absolutes Novum für Apple. Keine Angst. Man schaltet den Zugang frei – Achtet in den Einstellungen für die Abo-Verwaltung darauf, dass ihr die Checkboxen richtig clickt, damit die automatische Verlängerung abgeschaltet ist (falls ihr nach dem Test meint, das ist doch nicht so doll) – und los geht es. Wer sich die letzten Jahre halbwegs tapfer in iTunes bewegt hat, wird kaum fremdeln. Stundenlange Tutorials muss sich niemand antun, um erste Ausflüge in Apples Musikwelt zu unternehmen.

Das Repertoire
Die Betreiber der zell-on-air-Website pflegen einen Musikgeschmack, dem bislang noch nie das Etikett „Mainstream“ angeheftet wurde. Das Angebot unseres bisherigen Streaming-Hafens simfy (schöne Grüße an den Insolvenzverwalter) war nicht schlecht, musste aber immer mal wieder passen. Die erste Erfahrung mit Apple Music in dieser Hinsicht: Respekt. Unter den bislang getesteten Werken nur eine weiße Flagge (Franz Ferdinand & Sparks: „FFS“). Das lässt auf einen gut gefüllten Katalog hoffen.

Streaming-Qualität
Nichts für Verfechter der audiophilen Lehre in Highres-Reinkultur: 256 kb AAC-Dateien (m4p) werden gestreamt. Da jeder selbst zwei Ohren hat, können wir schlicht nur dazu raten, den Eigenversuch zu machen und oberhalb des Hörzentrums zerebral zu entscheiden, ob das reicht oder den Tatbestand einer akustischen Körperverletzung erfüllt. Für unsere Streaming-Einsatzbereiche ist das ok. Wir nutzen einen Musik-Streamingdienst im Wesentlichen für zwei Zwecke: Neue Produktionen ohne 30s-Limit anhören, um entscheiden zu können, ob der CD-Kauf lohnt (Tja, das ist zugegeben very Oldschool) oder zur Musikrecherche, um tolle Künstler/Stücke kennenzulernen, die uns bislang durch die (Ohr-)Läppchen gegangen sind.
Ein paar Hakler/Ruckler/Aussetzer gab’s schon. Aber lassen wir die Kirche im Dorf: Mit dem „On-Air“ von Apple Music am Dienstag haben sich mit Sicherheit hunderte von Millionen Apple-Kunden eingeloggt, um gleich von Beginn an dem Strom zu lauschen. Also, wenn diese Petitessen nicht in Bälde ausgemerzt sein werden, wäre das schon ein Wunder.

Sender und Community
Beats 1 als Radiosender? Das ist nicht unser Ding. Hier wird mit ach so radiogeilen Stimmen Stimmung gemacht. Und das soll weltweit funktionieren? Würde uns eher wundern. Klang so ein bisserl nach MTV in den Anfangstagen.
Der Austausch von Playlists zwischen Menschen, die – zumindest aus Sicht der Algorithmen – „Ähnliches“ hören? Müssen wir ausprobieren. Bislang klappten vergleichbar umgesetzte Ansätze der Konkurrenz in unserem Fall nicht. Hier ist die Explorationsphase für belastbare Aussagen noch zu kurz. Mal weiterhören.
Ebenso noch nicht einschätzbar: Connect. Klickt man da bei uns drauf kann man sehen, was eine Lena gerade hört. Hmm? Man kann ein Video von Maroon V angucken. Warum? Immerhin schaut einen Robert Glasper an. Schon interessanter aus unserer Perspektive. Insgesamt aber eine eklektische Mixtur. Mal weitergucken.

Das Haar in der Suppe
Oh ja, haben wir auch gefunden. Wir haben bereits erwähnt, für welche Zwecke wir einen Musik-Streaming-Dienst nutzen. Da wäre es (jetzt outen wir uns endgültig als Oldschool) schon nett, wenn man ein Album ansteuert und zumindest ein paar schüttere Informationen zu der betreffenden Produktion abrufbar wären (also etwa Besetzung inklusive Musikernamen), Komponisten, Texter, Produzenten, etc). Klar, man kann schnell auf anderen Websites derartige Infos dazusurfen. Aber – um Marius Müller Westernhagen zu zitieren – geil wär’s schon (wenn das innerhalb von Apple Music passieren könnte). Toll dagegen: Via „Meine Musik“ kann man nahtlos zwischen der eigenen Musikbibliothek und dem Streamingangebot hin- und herswitchen. Das schafft per Software enorme thematische Breite.

iTunes, das uns von Beginn an die eigene Musiksammlung mit neuen, noch offeneren Ohren und sehr überraschenden musikalischen Erlebnissen hören ließ, ist dank Apple Music zu einer musikalischen Bibliothek gereift, deren Mächtigkeit und Qualität wir uns in den kühnsten Träumen des beginnenden Milleniums nicht vorstellen konnten. Also werden wir dieses neue Klanguniversum als vorläufig nichtzahlende Anhalter durch diese Galaxie volle drei Monate bereisen. Dann wird entschieden. We’ll keep you posted.

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