Geschmack, Gehalt, geschnallt – Weinmesse Strasbourg 2015

Geschmack, Gehalt, geschnallt – Weinmesse Strasbourg 2015

Hier gilt es, drei Themen  auszubreiten: 1. Bericht über die jährliche Verkaufsmesse der Winzervereinigung Vignerons independants in Straßburg im Februar. Über ihr Webportal bieten die französischen Winzer nun auch den Online-Kauf vieler Weine von einer Reihe ihrer Mitgliedsbetriebe an. 2. Die Lieferung ins benachbarte Ausland ist auch im Europa des 21 Jahrhunderts nicht möglich. 3. Last but not least: Wir haben den letztjährigen Alkotest nach dem Messebesuch methodisch verfeinert und können von einem epochalen Ergebnis berichten. Da das erste Thema eher nachrichtlich-ernster & trockener Natur ist, das zweite – weil zum Weinen – schon etwas feuchter und das dritte Thema sich als flüssige Satirenummer entpuppt, nennen wir diese – wie wir behaupten – neue journalistische Stilform „Infodrainment“.

Business as usual – Business online

Erwartet bitte keine neuen Geheimfavoriten, Shootingstars oder önologische Rookies. Mangels Zeit begrenzten wir unseren Degustationsparcours auf jene Betriebe, von denen wir auch in den Vorjahren Weine bezogen haben. Auffälligkeiten bei den Jahrgängen? Nun der 2013 hat uns in Chablis ausnehmed gut gefallen, bei den Südfranzosen (Languedoc, Roussillon, Provence, Bouche du Rhone) waren die Roten uneinheitlich – einige wirklich tolle Châteauneuf-du-Pape aber auch alkoholisch-brandige, „gekochte“ Fruchtmarmeladen-Mischsätze der üblichen verdächtigen Rebsorten dort (Grenache, Syrah, Carignan, Mourvedre).

Die Rosé-Vinifikation scheint stilistisch vollständig in Richtung Haribos Fruchtbären zu steuern. Die Preise: Die ersten Qualitäts-Weingüter tarifieren ihre Basis-Qualitäten mittlerweile zweistellig. Wer gute Qualität unter acht Euro sucht, braucht Biss bei der Recherche. Unser önologischer Limbo-Kauf („how low can You go“) lag bei 5,50 Euro (für einen Provence-Rosé, den der Winzer im Keller total vermasselt hatte, weil er trotz Reinzuchthefen, Temperaturregulation und gekühlter Fermentation zum Teufel nicht nach Himbeer-Fruchtgummi schmecken wollte). Das passiert ihm nächstes Jahr bestimmt nicht noch einmal. Dann lassen wir den -sagen wir einmal – mittlerweile eher 8,50 Euro teuren Wein im Februar 2016 stehen.

Neu! Stoppt die Druckerpresse

Was haben wir  in der Vergangenheit die französischen Winzer von den Vignerons independants für ihre pragmatische Geschäftstüchtigkeit gelobt: Am Tresen probiert, Scheckbuch, Portemonaie oder Kreditkarte gezückt, gekauft und die flüssigen Schätze mit den abenteuerlichsten Wägelchen zum Auto transportiert. Einfach eine Superidee. Supereinfach. Superspaß. Supergeschäft.

In den fast 20 Jahren, die wir nun schon diese Messe besuchen, haben sich aber für Weinkonsumenten die Einkaufsmöglichkeiten grundlegend geändert. Weinversender bieten per Newsletter, Katalog, Flyer, Webportal Weine von einer Riesenauswahl interessanter Produzenten an – häufig nicht teurer, als wenn ich zum Erzeuger reisen würde und meinen Einkauf höchstpersönlich in den eigenen Vorratskeller schaukele. Das erledigen jetzt DHL & Co und ich nehme bequem den Schatz in Empfang.

Halt – ich weiß, jetzt laufen die Epikureer Sturm und rufen erbost: Du Banause unterschlägst das sinnliche Einkaufserlebnis, das unmittelbare Kennenlernen des Produzenten und seines Produkts in exakt der Umgebung, in der es entsteht. Stimmt. Ist nur blöd, wenn man mit einem Roadster unterwegs ist, dessen Kofferraumvolumen jeder Raucher mit einem „Oh, das ist aber endlich einmal ein richtiger Aschenbecher“ charakterisieren würde.

Zurück zum Thema. Die Vignerons independants verkaufen jetzt auch online. Wow, dachte ich. Französische Winzer stoßen das Tor zum 21. Jahrhundert auf. Sofort surfte ich die Seite. Mein „Simplify-Your-Life-Ansatz“ war folgender: Ich bestelle die Weine, die mir auf der Straßburger Messe gut geschmeckt haben, einfach online. Verzichte auf die Schlepperei zum Auto und warte stattdessen bis der Postmann einmal klingelt (ein zweites Mal gibt’s nicht. Da ist er schon beim Nachbarn). Und dann lädt er all die wunderbaren Weinkartons ab, die ich zuvor mühsam über den geschotterten Parkplatz am Messegelände hätte ziehen müssen. Krakele eine „Unterschrift“ in sein Tablet und begleiche die Rechnung.

Doch das Wow hielt  beim Surfen nicht lange an. Zum einen: Von den 18 Winzerbetrieben („den Favoriten“), die wir diesen Februar besucht haben, findet sich kein einziger in der Angebotsliste des Online-Shops der Vignerons independants. Zum anderen: In den Versandbedingungen steht eindeutig: keine Lieferung ins Ausland. Will sagen: Ein Liebhaber im französischen Biaritz, nennen wir ihn Alphonse, liebt elsäßische Rieslinge. Sein lokaler Weindealer hat keine wirklich überzeugende Auswahl davon. Also nutzt Alphonse das Portal, bestellt, was ihm aufgrund seiner Recherche vielversprechend erscheint, die Order wird von den Betreibern der Website an die Erzeugerbetriebe weitergeleitet, die schicken die bestellten Weine an ein Zentrallager der Vignerons independants in Macon, dort wird die Lieferung konfektioniert und in den Südwesten des Hexagons geschickt. Ich armer Teufel hingegen, der rund 150 km vom Winzerbetrieb entfernt im Nordschwarzwald lebt, kann nicht bestellen, denn unter den FAQs wird die Frage, ob auch ins Ausland geliefert wird so beantwortet:
Malheureusement non, nous ne sommes pas en mesure, aujourd’hui, de livrer dans d’autre pays.
Einziger Trost: Dieselbe Auskunft erhalten auch die Bewohner der überseeischen Departments wie Martinique oder Réunion. Trotzdem bleibt mein Staunen: Wir bezahlen mit denselben Banknoten, fahren über EU-Grenzen ebenso einfach als würden wir vom Landkreis Calw in den Landkreis Freudenstadt kommen. Aber Weine aus dem Elsass bestellen und sich liefern lassen, geht nicht? Ja wie soll sich da Frankreichs Defizitquote auf die tolerierten 3,3 Prozent verringern? Einen Peugeot haben wir schon (beim hiesigen Händler) gekauft.

Geschmack, Gehalt, geschnallt

18 Winzer haben wir, wie bereits gesagt, besucht. Dabei haben wir 70+ Weine probiert. Also wurde 70+mal unser Probierglas befüllt. Keine Riesenmenge – wozu auch? Aber nennen wir die Degustationseinheit der Einfachheit halber „Schluck“. Ein Schluck ist im offiziellen internationalen Einheitensystem anzusiedeln bei ein bis zwei ccm, also einem einfachen, schwäbisch, sparsam eingeschenkten „einfachen“ Schnaps.

Nun haben wir ja letztes Jahr schon über die verblüffenden Mess-Ergebnissse der Alkotest-Automaten am Ausgang der Ausstellungshalle berichtet. Diesmal machten wir einen härteren Test. Das Testdesign: Einer spuckt alle probierten Weine aus (was nicht heißt, dass gar kein Alkohol in den Resorptionstrakt gerät). Der andere trinkt, besser „nippt“ daran. Will heißen: Es wird nicht die gesamte eingeschenkte Menge getrunken, aber diejenige, die zur Degustation und Geschmacksbeurteilung erforderlich ist.

So, und im Sinn unserer Ausgangshypothese ließen wir sogar einen Bias zu, der – wenn diese korrekt sein sollte – eventuelle Unterschiede geradezu sehr gnädig zu Tage hätte fördern müssen. Im Klartext: Meine Frau schluckte, ich spuckte. Aufgrund der geschlechterbedingt unterschiedlichen Abbauleistung der Alkoholdehydrogenase (sorry, an dieser Stelle müssen wir den Erklärbären tanzen lassen), und des geringeren Körpergewichts meiner Frau gegenüber meinem, hätte sich der zusätzliche „Schluck-Konsum“ meiner Frau besonders drastisch im Messergebnis niederschlagen müssen.
Das Ergebnis der Atemproben: Ich 0,0 Promille. Meine Frau 0,0 Promille.

Ich gebe zu, die Fallzahlen sind angreifbar gering. Ich würde daher auch nicht so weit gehen, das Ergebnis als Beweis zu betrachten, dass diese Geräte so eingestellt waren, dass selbst Sturzbetrunkenen noch die Fahrtüchtigkeit attestiert worden wäre. Aber als „proof of concept“ taugt unser kleiner Vergleich schon. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Polizei wahre Wunder erleben würde, falls sie diese Messgeräte einsetzt, wenn im elsäßischen Dambach-la-ville das nächste Winzerfest gefeiert wird. Hoffentlich ist dann am nächsten Morgen noch ein Beamter so fit, um die hohen Fallzahlen von Alleinunfällen rund um die Gemeinde zu erklären – wo doch Alkohol als Fremdeinwirkung aufgrund der Alkotest-Kontrollen gänzlich ausgeschlossen werden kann.

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