Frühlingsgefühle – Spring Quartet

Frühlingsgefühle – Spring Quartet

Zuerst die Fakten: Gestern abend bin ich kurz nach der rushhour von Nagold (17:45) nach Backnang (19:10)  gefahren. Und von Musik beseelt wieder zurück (ab Backnang 22:45). Das Spring Quartet trat auf. In Backnang. Im Bürgerhaus,, genauer im Walter-Baumgärtner-Saal. Dieser Saal fasst zirka 800 zahlende Zuschauer, wenn er denn ausverkauft ist. Er war es an diesem Abend, zumindest fast. Das Wichtigste vorweg: Es war ein wunderbares Konzerterlebnis.

Das veranstalterische Umfeld: Ehrlich gesagt, keinen blassen Schimmer. Backnang im nördlichen Speckgürtel der BaWü-Hauptstadt Stuttgart gelegen. Ich weiß nicht, weshalb dort die Jazz-Fans in Scharen einfallen sollen, um solch einen internationalen (und sicher nicht im Sonderangebot zu pitchenden) Top-act wie das Quartett der beiden alten Recken Jack DeJohnette und Joe Lovano sowie deren „musikalischen Kindern“ Esperanza Spalding und Leo Genovese zu hören. Die Scharen waren wie gesagt überschaubar: Gefühlte 800 Menschen ließen sich ihre Anwesenheit an diesem Abend 27 bis 39 Euro wert sein. Ich denke, ein famoses Investment, nicht nur wegen der guten Akkustik, die jeden „Multifunktionssaal“ hinter sich lässt. Auch weil Schwaben ja als preissensibel gelten. Das Spring Quartet tritt bei seiner gegenwärtigen Tour noch in London, Istanbul, Paris, Denver und Paris auf. Ach ja, und in New York, im „Blue Note“ – also dort, wo Besucher wie ich mit der hiesigen Volksbank erst einmal über einen Kredit verhandeln müssten. Ja, das durfte ich gestern in Backnang für 40 Euro inklusiv Ticketzustellung erleben. Zusätzlich trieb es mir die Tränen in die Augen, dass es  an der Abendkasse aus dem Restfundus der Tickets Schülerkarten für 6 Euro gab – geradeso wie annodazumal in den 1970er-Jahren, als wir mit dem Schülerausweis an der Abendkasse der Stuttgarter Liederhalle für die kleine Mark die Großen in den Treffpunkt-Jazz-Konzerten live erleben konnten. Eine Erinnerung, die ein Menschenleben locker überdauert.

Die Musik: Frühling sollte das Thema des Spring Quartets ja schon sein. Das war es auch. Den Frühling treiben die Musiker mit Macht – vom ersten bis zum letzten Stück. Nicht den zaghaft-säuselnden Frühling mit seinem blau-lauen Band. Eher den saftigen. Frühling – und wem sage ich das unter Jazzfreunden – muss die Lieblichkeit meiden. Er muss das Erwachen einer Entwicklung auslösen. Das Aufbrechen von geschützten Knospen. Auch auf die Gefahr hin, dass die Knospen in der frostigen Wirklichkeit Schaden erleiden. Dieses Risiko ging das Spring Quartet frontal ein. Und allein dafür schon verdienen die Musiker den entscheidenden Pluspunkt.

Ist das Jazz? Meine bislang zutreffendste Antwort darauf, sobald diese Fage hochkommt, lautet: Ja, wie Jazz. Unglaublich strikt komponiert und arrangiert die einzelnen Stücke. In diesem Sinn eher konzertant als improvisierend, also nicht unbedingt „jazzy“. Aber was mich vom Hocker riss, war dieser stringente Wille, durch die kompositorische Linie nicht nur den Raum zu öffnen, sondern ihn auch wieder zu schließen. Ich habe viele Konzerte mit „Free Jazz“ gehört und -ich denke berechtigterweise – auch wieder vergessen. Das Spring Quartet knüpft „free“ an aber verfestigt es zur „form“. Schon wird ein Schuh draus.

Vom „Mehr-Generationen-Quartett“ ist die Rede. Warum? Jede(r) bringt die eigene Ausbildung & Erfahrung ein. Das musikalische Statement zählt. Die so scheinbar dahingehuschten Breaks von Jack DeJohnette erklären sich zweifellos aus seinem technischen Fundus. Joe Lovanos Sound (grandios diesmal an der Querflöte, nicht zu glauben, was wir da hören durften) ist neben der technischen Übungsarbeit vorrangig durch seine Spielerfahrung erklärbar. Aber was machen wir mit der singenden, nuschelnden Esperanza Spalding, die einen Bass so derbe treibt, das Charles Mingus blöde dreigeschaut hätte. Was halten wir von einem Tastendrücker wie Leo Genovese, der so expressive bursts wie McCoy Tyner neben impressionistisch dahingehauchten Debussy-Phrasen in seine Instrumente klöppelt. Das ist für mich das schönste Fazit dieser Formation: Jede(r) hat hier ausreichend etwas zu sagen. Alter/Erfahrung unwichtig. In Schwung kommt die Runde, solang jede(r) dem anderen zuhört und Antworten parat hat, die man nicht schon hundertmal gehört hat. Diesen Schwung generierte die Runde nicht nur gut, sondern famos.

Eventuell kennt Ihr meine Kritik an letztjährigen Konzerten von Jazz open in Stuttgart. Soll ich Euch etwas verraten? In Backnang saßen Menschen, die sich lautstark unterhielten – vorab, in der Pause und nach dem Konzert. Leute, die a bisserl Durst & Hunger mitbrachten, und beides während dieser Phasen zu überwinden verstanden. Allesamt Leute, die das bestimmt nicht leicht verdauliche Konzert mit maximaler Aufmerksamkeit goutiert haben.

Da kommt mir ein böser Gedanke: Ist das Spring Quartet vielleicht deswegen im Backnanger Walter-Baumgärtner-Saal aufgetreten und nicht auf der Stuttgarter Bühne vor dem Mercedes-Museum?

Nachtrag: 03. April 2014:

Klasse, mir hat’s nicht alleine gut gefallen. Siehe hier und hier

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