„Mitmachen lohnt sich“

„Mitmachen lohnt sich“

Unter diesem viel versprechenden Slogan werden derzeit auf der Homepage unserer Heimatstadt Nagold Bürger animiert, an einem Fotowettbewerb teilzunehmen. Kein Aufreger also. Dachten wir. Bis wir der Leimrute folgten.

Der Deal: Die Tourismus-Förderung Nagolds animiert Bürgerinnen und Bürger, Fotos von Nagold und seinen Teilorten für einen Wettbewerb einzusenden. Lohnendes Ziel: Jeden Monat werden drei Fotos an prominenter Stelle in der Stadt ausgestellt, die Namen der Urheber für alle sichtbar erwähnt. Fotografischen Greenhorns wird Mut gemacht: Technisch perfekt muss nicht, die Bildwirkung zählt.

So weit, so gut. Eine prima Sache und die Honorierung mit einer lokalen öffentlichen Bühne der drei Monatssiegerfotos mittels Präsentation und Namensnennung ist in Zeiten, in denen Teilnehmer von TV-Quiz-Shows ungern mit weniger als einer Million Euro nach Hause gehen, geradezu sympathisch.

Doch leider ist da noch das Kleingedruckte, bei dessen Lektüre wir uns an den Mitmach-Slogan erinnerten und ein wenig vorsichtiger zurückfragten: Lohnen ja, aber für wen?

Die Tourismus-Förderung lässt nämlich reichlich unverblümt folgen, worum es eigentlich geht: Alle monatlichen Siegerbilder werden an einer Endrunde teilnehmen und um eine Top-Drei-Platzierung kämpfen. Erster Preis: 100 Euro, zweiter Preis Gastro-Gutschein 50 Euro, dritter Preis Buchpräsent. Das finden wir immer noch sympathisch – das sind Anerkennungen für das gute Auge / das Glück, zur richtigen Zeit an der fotogensten Stelle zugegen und mit Kamera oder Smartphone bewaffnet zu sein.

Wären da nicht die Teilnahmebedingungen.

Nicht nur, dass jeder Einsender erklären muss, alleiniger Bildautor zu sein. So weit so gut, das gehört noch zum Fair Play: Niemand soll den Autorenruhm einheimsen, wenn doch jemand anderes auf den Auslöser drückte. Alarmlämplein leuchteten bei uns auf, dass lediglich volljährige Personen teilnahmeberechtigt sind. Schießen unsere Kiddies keine schönen Bilder?

Nein. Darum geht es bei dieser Bedingung nicht. Es geht um die in der Teilnahmebedingung folgende Rechteabtretung, die professionelle Fotografen, also jene armen Zeitgenossen, die mit ihrer Hände und Köpfe Arbeit versuchen, mit dem Anfertigen von Fotos einen Lebensunterhalt zu erwerben, kurzerhand als Knebelklausel bezeichnen. Im O-Ton der Teilnahmebedingungen unter Punkt 4: „Die Teilnehmer geben ihr Einverständnis zur Veröffentlichung der Fotos ohne jegliche zeitliche, örtliche und inhaltliche Einschränkung für touristische und sonstige Werbezwecke der Stadt Nagold. Diese beinhalten u.a. Printwerbung, Internet, Druckwerke und Presseartikel.“ Wer als juristische Laien wie wir versucht, diesen juristischen Satz in Alltagsdeutsch zu übersetzen, kommt zu folgender Interpretation: Was immer die Teilnehmer an Fotos einsenden, sie treten sämtliche Rechte an ihren Bildern für alle Zeit und für alle Medien und für jeden erdenklichen Zweck ab.

Dafür bekommen die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Nichts. Weil ihre Fotos nicht auf Platz eins bis drei platziert wurden. Letztere drei Bildautoren bekommen 100 Euro, 50 Euro und ein Buch.

Nagold_Foto 01

Hier die Preisfrage: Brauchen Sie zur Veröffentlichung dieses Fotos eine Einwilligungserklärung? Und falls ja, von welcher Person / von welchen Personen?
Im Zweifel fragen Sie Ihren Oberbürgermeister oder dessen Justiziar.

Wir haben daraufhin die Bilddatenbank von Getty Images kontaktiert. Diese internationale Agentur bietet Bildrechte gegen Lizenzgebühren an. OK. Es ist nicht die billigste, aber bei weitem nicht die teuerste. Und sie bietet detaillierte Bildrechte an: für eine bestimmte Zeitdauer, für ein bestimmtes Medium, für kommerzielle und nicht kommerzielle Zwecke. Will heißen: Hier können wir genau den Lizenzumfang kaufen, den wir brauchen.

Das haben wir für die preisgünstigste Foto-Kategorie getan und dabei den Rechteumfang der Nagolder Tourismus-Förderung – also tutto completto – zugrundegelegt. Wir wollen nicht drum herum reden: Unter 2000 Euro dafür reduziert sich die Auswahl auf wenige – und wie wir finden – wenig attraktive Motive. Da haben uns die drei Februar-Siegerfotos aus Nagold deutlich besser gefallen.

Leider dürfen wir an dieser Stelle nicht bereits Schluss machen, denn in den Teilnahmebedingungen des Nagolder Wettbewerbs verbirgt sich eine juristische Landmine, welche die Einsender, so sie nicht Fachanwälte für Medienrecht sind, nicht erkennen und deren Konsequenzen sie daher auch nicht kennen können.

Der Punkt 5 der Teilnahmebedingungen besagt „Die Teilnehmer am Fotowettbewerb versichern, dass die auf den Bildern abgebildeten Personen mit der Veröffentlichung einverstanden sind. Bei Fotos auf den Kinder abgebildet sind, muss zusätzlich eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten vorliegen. Anmerkung: Diese Erklärung entfällt automatisch bei Bildern ohne Personen.“

Die juristische Landmine rankt sich um das Recht am eigenen Bild, einem unserer zentralen Persönlichkeitsrechte. Es handelt sich um äußerst diffiziles Rechtsterrain, in dem sich hoffentlich jeder Teilnehmer dieses Wettbewerbs so gut auskennt wie in seiner Westentasche.

Geneigte Leserinnen und Leser, erlaubt einen letzten Gedanken durchaus auch in eigener Sache: Wettbewerbe sind eine schöne Sache. Anerkennung zu zollen für eine tolle Leistung, ein gelungenes Produkt – wunderbar. Aber es gibt auch Menschen, die solche Leistungen professionell anbieten – Fotografen etwa, Autoren, Kunstmaler, Poeten oder Webdesigner. Laien können fotografieren, (fast) jeder kann schreiben, viele können schöne Sachen malerisch zu Papier bringen, der eine oder die andere reimt Verse so lustig und schlau wie Wilhelm Busch und handgestrickte Websites nötigen uns manchmal mehr Respekt ab als Seiten aus Edel-IT-Schmieden.

Das Konzept des Nagolder Wettbewerbs riecht in dieser Hinsicht streng: Mitmachen lohnt sich.
Für den Veranstalter. Spart er doch die hohen Kosten des Bildrechteankaufs und wälzt das juristische Risiko auf die Einsender ab. Für 150 Euro und ein Buch, das sich im Nagolder Bürgermeisteramt wohl finden lässt.
Wir raten von einer Teilnahme ab.

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