Rückschau auf die Weinmesse 2014 in Strasbourg: Mit Nullkommanull Promille durch 60 Weine

Rückschau auf die Weinmesse 2014 in Strasbourg: Mit Nullkommanull Promille durch 60 Weine

Wow! Lag’s am fast schon frühlingshaften Wetter, dass der Appetit auf vergorene wie destillierte Traubensaftderivate derart starke Nachfrage generierte?
Ist die deutsch-französische Freundschaft womöglich endlich dort angekommen, wo sie tatsächlich verankert sein sollte – bei den Menschen beider Länder und nicht nur bei deren Politikern? Schließlich bieten beide Regierungen ihrem jeweiligen Souverain ein derart abschreckendes Trauerbild, dass der beherzte Griff zum Weinglas nicht nur als verständliches Kompensationsverhalten im Sinn des Schöntrinkens, sondern als medizinisch angezeigter antidepressiver Therapieversuch zu gelten hat.
Offen gesagt: wir wissen es nicht.
Aber eins steht fest: Bereits am Eröffnungsfreitag (21.02.2014) wälzte sich eine Monster- oder Freakwave-gleiche Besucherschar durch die Ausstellungshalle im Straßburger Wacken. Der Besucherstrom, den wir tagsdrauf am Samstag erlebten, lässt sich fast nur noch mit einer Metapher in Richtung Tsunami beschreiben. Klaustrophobischen Weinliebhabern raten wir fortan dringend von einem Besuch der Messe an diesen Tagen ab. Mittlerweile sogar busladungsweise attackierten mit Probiergläsern bewaffnete Besucherscharen die fünf Alleen der Halle. Die Leitplanken bildeten beidseitig die uniform gestalteten Stände von roundabout 500 unabhängigen Winzerbetrieben. Jeder Besucherangriff wurde von den wackeren Winzertruppen der Vignerons independants mit pausenlosen Salven des Nachschüttens pariert. Und: gelang es den tapferen Winzern, das Herz (und den Gaumen) der Besucher zu gewinnen, wurden sofortige Verhandlungen aufgenommen, um durch Verkauf von Rebensäften bei beiden Parteien für Seelenfrieden, gegenseitige Wertschätzung und ein klein bisserl Glücksgefühl zu sorgen.

Besucherscharen und die wackeren Winzer der Vignerons independants mitten im oenologischen Schlachtengetümmel.

Besucherscharen und die wackeren Winzer der Vignerons independants mitten im oenologischen Schlachtengetümmel.

Wir können es nicht beweisen, aber: Wenn an diesem Wochenende in dieser Halle unweit des Europäischen Parlaments in Straßburg die Strom- oder Internetversorgung ausgefallen wäre, dank derer die dem Probieren folgende ökonomische Transaktionswelle mit Hilfe von Bank- und Kreditkartenlesegeräten in buchhalterisch korrekte Bahnen gelenkt werden konnte, dann hätte vermutlich ein gigantischer deutsch-französischer Flashmob sehr wahrscheinlich eine Revolution vom Zaun gebrochen, gegen den der 1789-er-Sturm auf die Bastille eher wie ein fröhlicher Betriebsausflug anmutet.

Was ist uns sonst aufgefallen?

1. Die auf diesem Salon de Vins präsentierten (allermeisten) Jahrgänge, also 2010, 2011, 2012, zeigten in den von zell-on-air.de bevorzugten, eher südlichen Anbaugebieten ihre große Klasse. Selbst spätreifende, mitunter kapriziöse Varietäten (etwa Tannat oder Mourvedre) gehen ab „wie Schmitt’s Katze“.

2. Das Preisbarometer zeigt eindeutig auf Hochdruckwetterlage. Unser günstigster Einkauf notiert mittlerweile bei 5,60 Euro (für einen Muscadet-sur-lie). Was aber viel zuverlässiger die Preisentwicklung charakterisiert: Bei Weingütern, deren Arbeit wir seit vielen Jahren schätzen, klettern die Preise für die Basisquali („Gutsweine“) auf sieben, acht oder gar neun Euro. Zusätzlich fächert sich das Preisspektrum bei den höheren Qualitäten auf. Man landet also oberhalb dieser Basiskategorie rasch bei 13, 19 oder auch schon einmal 29 Euro und zwar selbst für Gewächse aus (südfranzösischen) Weinbauregionen, die sich bislang als Alternativen für Non-Etiketten-Trinker anboten. Ein Chateau-neuf-du-Pape war nie ein Schnäppchen und hat immer im Portemonnaie ein hässliches Loch gerissen. Aber ein AOC  Rasteau für satte 19 Euronen? Das ist heftig. Man darf gespannt sein, ob da die Kundschaft mitzieht.

Weinmesse2014 003

Für Besucher wie für die teilnehmenden Winzer ist der Salon des Vins mitunter eine logistische Herausforderung. Der findige Winzerverband stellt jedoch klugerweise Transport-Container zur Verfügung, die auch weit in die Zukunft planenden Verbrauchern eine adäquate Lösung bieten.

3. Damit stellt sich selbst für frankophile Weinliebhaber Gretchens Globalisierungsfrage. Schon aus Preiserwägungen heraus (siehe Punkt 2). Aber auch aus Qualitätsgründen. Wir können das an dieser Stelle nicht weiter ausführen, daher hier nur die für Franzosenweine liebende Menschen schwer zu ertragende Häresie in Form einer Aufgabe: Stell Dir vor, Dir geht es nur um das Geschmackserlebnis. Du bist zwar preissensitiv, kaufst aber vor allem – innerhalb Genzen von sagen wir einmal maximal 20 Euro – genussorientiert ein. Erwirbst Du dann nur noch französische Weine?
Klar, eine suggestive Frage, aber die Antwort ist trotzdem erhellend, gelle?

Alkohol und Straßenverkehr

Das ist eine thematische Verknüpfung, bei der wirklich ganz, ganz schnell „Schluss mit lustig ist“. Punktum. Deswegen bitten wir die geneigte Leserschaft, die nun folgenden Ausführungen auch nicht wie so vieles andere auf dieser Web-Site als humoristisch-unterhaltsam, gar als satirisch anzusehen, sondern als bierernst.
Seit einigen Jahren bietet der Messeveranstalter den Besuchern am Ausgang der Halle die kostenlose Möglichkeit an, „ihren Pegel“ an zwei Alcomat-Geräten zu ermitteln. Zweifelsfrei eine vernünftige Maßnahme für eine Veranstaltung, bei der man bei zirka 500 Winzern durchschnittlich vier, fünf oder auch mehr Weine probieren könnte (theoretisch), bei der man auch hier oder da einen Cognac, Armagnac oder Marc de Sowieso einwerfen kann, und einem die Anzahl der rund um das Ausstellungsareal geparkten und wieder bewegten Pkw signalisiert, dass nicht alle Besucher sich von der abstinenten Tante oder der Tram nach Hause kutschieren lassen.
Also bierernst: Am ersten Tag probierte unsere Gruppe zirka 50 Weine. Einer von uns ließ die Flüssigkeiten lediglich im Mund „kursieren“ und spuckte tapfer aus. Der andere schluckte den „Probierschluck“ herunter. Messwerte: 0,0 Promille versus 0,16 Promille. Dazu muss man wissen: Auch beim Ausspucken lässt es sich nicht vermeiden, dass ein Teil des Weines konsumiert wird, also wie beim ganz normalen Trinken geschluckt und via Darmschleimhaut resorbiert und in den Blutkreislauf aufgenommen wird. Im zweiten Fall: Das „Schlückchen“ soll klein sein, sagen wir der Einfachheit halber, ein halbes Schnapspinnchen, also 1 cl. Das multiplizieren wir mit 50 Proben, macht einen halben Liter Wein. Dieser Konsum erstreckte sich von 15 Uhr bis 19 Uhr, also über vier Stunden. Dabei gibt es auch einen Abbau des Blutalkohols – typischer Weise 0,1 Promille pro Stunde. Das Ergebnis von 0,16 Promille klingt da doch schon ein wenig nach märchenhaft hepatischer Alkoholverarbeitung.

Besser als die Polizei erlaubt: Nach 60 degoustierten, aber nicht heruntergeschluckten Weinproben immer noch 0,0 Promille. Märchenhafter noch das Ergebnis für meine Frau: Ebensoviele Proben, aber immer mit einem schlückchen durch die Kehle. Ergebnis: Wundersame 0,0 Promille. Wir wissen nicht, ob die französische Polizei auch diese zechfreundlichen Modelle bei ihren Verkehrskontrollen einsetzen.

Besser als die Polizei erlaubt: Nach 60 degoustierten, aber nicht heruntergeschluckten Weinproben immer noch 0,0 Promille. Märchenhafter noch das Ergebnis für meine Frau: Ebensoviele Proben, aber immer mit einem Schlückchen durch die Kehle. Ergebnis: Ebenso wundersame 0,0 Promille.
Wir wissen nicht, ob die französische Polizei auch diese zechfreundlichen Modelle bei ihren Verkehrskontrollen einsetzt, raten aber unabhängig davon von einer Autofahrt unter diesen Bedingungen ab.

Aber an Märchenwundern geschah ein zweites: Anschließend blies meine Frau aus der definitiv nicht-fahrenden „Schlucker-Fraktion“ ( ihre Begründung fürs Schlucken: „Ich kann das nicht mit dem Ausspucken, ich muss doch den Wein schmecken“) in den Alkomaten. Dazu muss man wissen: bei gleicher Menge an konsumiertem Alkohol haben Frauen einen höheren „Promillewert“ als Männer. Zudem ist die Blutalkohol-Abbaurate von Frauen  geringer als die des männlichen Geschlechts. Das ist keine Diskriminierung, das hat lediglich etwas mit dem Blutvolumen und der Physiologie des Abbaus zu tun, was beides geschlechtsspezifisch unterschiedlich ist – das bügelt auch kein Genderstreaming glatt.
Und welchen Wert erreichte unsere „Schluckerin“?: Nullkommanull Promille, also angeblich denselben Blutalkoholpegel wie der „ausspuckende“, männliche Probant unseres keinen Tests, der übrigens am nächsten Tag nach 60 ausgespuckten Weinen erneut 0,0 Promille „erpustet“.

Fazit: Die Straßburger Messe der Vignerons independants ist definitiv kein Event für Besucher, die sich aufs Komasaufen spezialisiert haben. In den vielen Jahren unserer Besuche haben wir nie einen einzigen Fall beobachtet, der auf süddeutschen Volksfesten laut Polizeiberichterstattung dort wohl tagesüblich ist und massiv alkoholisierte Besucher zurücklässt oder in die Notfallambulanz zwingt.
Dennoch: Allein eine kurze Umfrage unter den Besuchern sowie unsere eigenen Erfahrungen mit dem dortigen Trinkverhalten lassen keinen Zweifel aufkommen, dass durchaus einige Besucher die in Frankreich und Deutschland geltenden Alkohol-Fahrtüchtigkeitsgrenzen überschritten haben. Die geradezu grotesken Messergebnisse innerhalb unserer Besuchergruppe mehren die Zweifel an der Stimmigkeit der an diesen Geräten ermittelten Werte. Für uns taucht damit ein schlimmer Verdacht auf: Sind die auf der Messehalle installierten Geräte überhaupt in der Lage, zuverlässige Aussagen über den Blutalkoholgehalt und damit über die Fahrtüchtigkeit zu generieren? Wiegen sie eventuell die fahrenden Besucher in einem Gefühl der Sicherheit, immer noch fahrtüchtig zu sein? Wir standen insgesamt mindestens 30 Minuten an den Geräten. In dieser Zeit erreichte keiner der Teilnehmer einen Wert oberhalb der in Frankreich kritischen Blutalkoholgrenze von 0,25 Promille. Den Top-Wert erreichte ein über alle Maßen lustiger Besucher aus dem südlichen Elsaß: 0,22 Promille. Das Gerät verkündigte freundlich: „Sie liegen unterhalb der in Frankreich geltenden Fahruntüchtigkeitsschwelle.“ Na dann, gute Fahrt.

Wir wollen nicht übermäßig neugierig erscheinen, aber es wäre schön, von anderen Besuchern der Messe über deren Erfahrung mit diesen ausnehmend zecherfreundlichen Geräten zu hören.

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