Jazzopen Stuttgart 2013 – Frauenpower & wieder schlauer

Jazzopen Stuttgart 2013 – Frauenpower & wieder schlauer

Wer ab und an auf dieser Website bei den musikalischen Themen vorbeischaut, kennt vielleicht meine letztjährige Kritik an dieser Stuttgarter Veranstaltung, aus kommerziellen Erwägungen heraus viel „open“ und wenig „jazz“ zu bieten. Allen sei gesagt: Ich habe meinen mir angedichteten Job bei der Jazzpolizei (bei der ich – Ehrenwort – nie im Sold stand) inzwischen vorsorglich gekündigt. Jazzopen steht für mich (nach 20 Jahren seiner tollen Existenz) nur noch als Label für musikalische Qualität. Beim Michelin-Restaurantführer mäkelt schließlich auch niemand daran herum, dass  eine aus einem Autoreifen produzierenden Unternehmen  gewachsene Einheit heuer Hotel- und Restaurantqualitätsstandards festlegt. Und Quali hat’s in den letzten 20 Jahren (mit einem für mich allerdings deutlichen Bias für die ersten zehn Jahre) reichlich gegeben.

Also geschenkt, ob es Jazz oder nicht. Bleiben die Michelin-Fragen. 1. Ist es einen Stopp wert (ein Stern)? 2. Ist es einen Umweg wert (2 Sterne)? 3. Ist es eine Reise wert (3 Sterne?)

Zwei „große“ Konzerte am Neuen Schloss (Zaz / Bonnie Raitt & Stevie Winwood)  haben meine Frau und ich besucht. Mich selbst hat’s dann noch ins Bix zu Shemekia Copeland und am Mittwoch zu Robert Glasper sowie Richard Bona gezogen. Alle Konzerte haben uns / mir aus unterschiedlichen Gründen (siehe unten) gut gefallen. Beide Konzerte im Ehrenhof des Neuen Schlosses haben uns schockiert angesichts der Banalisierung von Konzerten zu „events“. Und davon handelt der folgende Beitrag. Wer eine „Konzertkritik“ im feuilletonistischen Sinn erwartet, könnte enttäuscht werden. Auch wenn es natürlich keinen Sinn macht, über Konzerte zu schreiben, ohne die Musik und ihre Präsentation zu würdigen.

Den eher optisch/akustisch orientierten Zeitgenossen sei noch folgendes gesagt: Der Veranstalter platzierte unmissverständlich  Hinweise, dass „unautorisierte“ Foto- und Filmaufnahmen der Veranstaltungen ebenso strafbewährt verboten sind wie Tonaufzeichnungen. Dies respektieren wir,  im Unterschied zu Hunderten von Besuchern, die ihre mehr oder weniger smarten Mobiltelefone zückten, um schmarotzenden Rechtsanwälten die Gelegenheit zu bieten, kostenpflichtige Abmahnungen in die Wege zu leiten, falls sie so blöd sein sollten, ihr Oevre irgendwo öffentlich zu zeigen. Unsere optische Petersilie hier ist also äußerst schütter im Wuchs. Wir sind Blogger. Keine Presse. Wir bekommen keine Freikarten, wir kaufen Karten (weil wir die Veranstaltung sehen/hören/wahrnehmen möchten). Das, was wir illustrtieren möchten, verbalisieren wir. Und da wir bei den Kosten sind: 362,70 Euro für vier Konzerte ( 2 x 2 Personen, 2 x 1 Person). Das heißt, wir reden preislich von einer Woche Mallorca-Urlaub, gell Herr Schlensog.

1. Die Locations: Klasse, wenn ich in Erinnerung rufen darf, dass wir auch schon Jazzopen-Konzerte eingeklemmt zwischen architektonisch wie akustisch unsäglichen Glasriegeln am Pariser Platz oder im Charme postmoderner (Filder-)Messearchitektur sowie der sound-shreddernden Porsche-Arena goutieren durften. Klasse deshalb, weil der Ehrenhof des Neuen (Rokkoko-)Schlosses da atmosphärisch und auditiv deutlich besser abschneidet. Klasse, weil das Bix einen Mikrokosmos schafft, in dem Jazzkulturen gedeihen wie in Gärtner Pötschkes Gewächshaus. Klasse, weil der steinerne Konzertbogen am Mercedes-Museum zur „blauen Stunde“ eine richtig aparte Atmo liefern kann, die – sauber abgemischt – nicht nur in den Videos, sondern auch direkt vor Ort beeindruckt.

Aber eben nicht erstklassig, zumindest, was die Location am Neuen Schloss anbelangt. Denn Jazzopen fand lange Zeit auch in den Sälen der Liederhalle statt, über deren Eignung als Konzertort mir bis heute wenig  Kritik zu Ohren kam.

Ihr dürft mich hauen. Aber solange ich so ein akustisches Kleinod wie den Beethovensaal (ganz zu schweigen von meiner geheimen Liebe, dem Mozartsaal) in der Stadt habe, bitte ich keinen tastendrückenden Klassik-Überflieger wie Lang Lang auf die Bühne am Ehrenhof und verstärke ich auch nicht das RSO mit einer Anlage, damit die speerwurfweit entfernten Zuhörer auf der Tribüne die „Zerstärker-Variante eines Symphonieorchesters“ goutieren dürfen. Letzteres habe ich mit eigenen Ohren nicht live und persönlich wahrgenommen, sondern es mir von einem dort anwesenden Bekannten (daher die Zitationszeichen) erzählen lassen, dessen Hörvermögen ich bislang nicht anzweifeln musste. Und die Kritik in der Stuttgarter Zeitung vom 9. Juli 2013 hat diese Malaise ebenfalls thematisiert. Bleibt die Frage der Kapa und die Kasse: Wie viel Karten kann ich für die Liederhalle verkaufen, wie viele für das Neue Schloss?

Ist mir schon klar. Ich denke halt nur als Besucher, nicht als Veranstalter. Und anlässlich des Etiketts Jazzopen frage ich mich dann schon, gibt es den Hauch eines Hinweises, dass Lang Lang irgendeine Affinität zum Jazz hat? Im Allgemeinen. Im Speziellen: Gibt es irgendeinen Anlass zu hoffen, dass Dee Dee Bridgewater und Lang Lang in irgendeine Form offenen, musikalischen Dialogs eintreten könnten, wenn es denn gut läuft? Es lief wohl nicht so gut, hört man.

2. Die Organisation & das Drumhrum: Ohne Frage, ich bin eher ein simpel gestrickter Konzertbesucher. Toiletten vorhanden. Und  deren  Zustand sowie Verfügbarkeit kann durchaus für einen Besucher  zu einem  sehr wichtigen Kriterium für die Beurteilung des Konzerterlebnisses werden. Selbst bei vollem Haus und kurzer Umbaupause (Bravo an die Crews am Schlossplatz, die haben das superprofessionell hinbekommen) wirklich akzeptabel. Das Angebot an Speisen & Getränken ist ebenfalls überdurchschnittlich (ebenso wie die Preise der dargebotenen Köstlichkeiten).

3. Sound & Light: Also ehrlich. Als Hardcore-Jazzer ist für mich das „Beleuchtungskonzept“ – ich sag’s frei heraus – Chichi. Mein Credo: Musiker/innen rauf auf die Bühne, Spot(s) an, und ab geht’s. Aber wo die Damen und Herren die ganze Lichterorgel im Ehrenhof des Neuen Schlosses schon einmal installiert hatten, muss ich zugeben: Sah doch lecker aus, oder? Andererseits: Auch wenn Jürgen Schlensog verständlicherweise auf allen Konzerten nach möglichst vielen, zahlenden Zuschauern/Zuhörern Ausschau halten muss, weshalb bekommt die zu gefühlten Dreiviertel gefüllte Arena des Mercedes-Benz-Museums beim Bona/Glaspers-Konzert immer wieder und über viele Minuten hinweg die Suchscheinwerfer frontal ins Gesicht, als wolle man das Volk zählen.Ophtalmologisch betrachtet war es äußerst schmerzhaft, Richtung Bühne gewandt das akustisch überaus interessante Geschehen zu verfolgen. Kundenbindung geht anders.

Das Problem unter dieser Tagesordnungsnummer: Ich dachte immer, man geht in ein Konzert, um den Ohren ordentlich soulfood zu bieten, welches anschließend zentralnervös in der Großhirnrinde verarbeitet wird, um im Idealfall im Ordner „Glücksmomente“ möglichst bis zum Lebensende abrufbar zu bleiben. In dieser Hinsicht unterschieden sich beide Konzerte am Neuen Schloss eklatant. Sowohl die akustische Performance von Zaz als auch der zuvor auftretenden Truppe um Nina Attal lassen sich aus meiner Sicht nur als Kakophonie beschreiben. Die Wiedergabe des  Schlagzeugs bei Attals Auftritt hatte die Klarheit einer mit  Stärkemehl eingedickten Maggisauce.

Und ja, es liegt nicht an der „Akustik des Ortes“. Am Folgetag, als der Drummer das Schlagwerk für Steve Winwood betätigte, kam der Sound präzise rüber: Die Becken oben außen, die Tomtoms drunter mittig, die Snare ebenso mittig platziert, nur a bisserl mit verbreiteter Stereobasis und die Bassdrum so knochentrocken wie ein Nahe-Riesling von Schäfer-Fröhlich.

Im Bix? Einer Räumlichkeit, in der so mancher Akustiker um Gnade winselt, nicht für die Klangquali verantwortlich  sein zu müssen? Sound klasse. Laut, aber alles tropfnass aufgehängt, transparent, faltenfrei.

Licht? Ja, es waren genügend Beleuchtungskörper angeschaltet, damit niemand über die Füße des anderen fällt. Und Shemekia Copeland trittsicher wie ein Jacana über den Teich durch das Publikum tappern konnte und einen so intimen Set  hinlegte, dass ich mich fragte, wie haben das die Opus-Leute geschafft, das Mädel mit ihren wirklich coolen, extem versierten Sidemen in diese Stadt zu dieser 300-Leute-Mucke zu locken?

Aus meiner Sicht ist das einen Extraapplaus für die Veranstalter wert.

Ach, und fast hätte ich es vergessen. Das Quintett rockte das Haus. Mit? Ja was wohl? Musik, eben. Jazz? Wer fragt denn danach.

Kommen wir zum Hauptproblem. Ich sag’s nicht gerne, denn es klingt schnell eitel, überheblich und nach Sozialneid. Aber es muss sein:

Das Hauptproblem von Jazzopen und seiner Zukunft ist ein Teil seines Publikums.

Bewusst werte ich jetzt nicht, sondern beschreibe konkrete Situationen. Beide Konzerte im „Ehrenhof“: Bühne ganz vorne. Dahinter der Stehplatzbereich übrigens inklusive einer tollen Rampe für Rollis & Co. So könnte Inklusion richtig funzen. Dahinter die überdachte Tribüne. Prima. Ganz oben auf der Tribüne der Cateringbereich. OK, Differenzierung muss sein, um möglichtst viel Umsatz mit den Tickets zu generieren. Aber dass die Damen und Herren dieses VIP-Bereichs (VIP = very intriguing people?) das gesamte  Konzert hühnergackernd begleiten als befänden sie sich wartend in einer Bahnhofsgaststätte, und als würde das, was sie da gerade hören, Fahrstuhlmusik sein? Das ist „no go“. Es störte nicht nur meine Frau und mich. Entsetzt drehten sich Besucher vor der Bühne im Stehplatzbereich in Richtung Tribüne, und konnten es (wie wir nicht fassen), dass – die Drastik sei erlaubt – Hühner und Hähne, über deren Beitrag zum gesellschaftlichen Eierlegen wir hier besser schweigen, Künstlern wie Bonnie Raitt, Steve Winwood, Zaz, Nina Attal gerade in den eher leisen, intimen Momenten ihrer Performance mit einem penetranten Banausentum entgegenplapperten, dass der Begriff des Fremdschämens für uns eine sehr konkrete Bedeutung bekommen hat.

Himmel hilf, dass die Monitorboxen auf der Bühne so laut eingestellt waren, dass die Musiker nicht mitbekommen haben, wie peinlich sich in Stuttgart eine ganze Gruppe von Besuchern benommen hat. Mir hat es bei zwei (eher leisen) Balladen von Bonnie Raitt fast das Herz zerrissen: „I can’t make you love me. If You won’t.“

Genau das ist das Problem mit dieser Klientel.

Unser Vorschläge:

1. Überlegen, ob es nicht sinnvoll ist, konsequenter das Schickimicki-Publikum vom (ich entschuldige mich freiwillig für diesen Kalauer) Shemekia-Publikum zu trennen. Heißt defakto: A: Häppchen & Schampus-Konzerte mit angesagten , mehrheitsfähigen Künstler/innen zum Premiumpreis, damit so richtig die Kasse klingelt  und die Musikliebhaber eher fernbleiben. Oder B: Schallkapselung des VIP/Catering-Bereichs.

2. Überlegen, ob den Veranstaltern die – ich greif den Terminus nochmals auf – Schickimicki-Klientel nicht ohnehin in ein, zwei, drei oder whatsoever-Jahren den Rücken kehrt, weil Canapésknabbern gerade  eher unangesagt und Jazz-Lounges sowieso schon seit geraumer Zeit als uncool gelten. Es also mit anderen Worten ohnehin einen komplett neu durchdachten Business-Case braucht.

3. Überlegen, ob nicht ein Downscaling von Jazzopen (lasst noch den „jazz“ im Namen weg, schreckt viele eh nur ab und trifft meistens sowieso nicht auf das Programm zu) auf die Konzerte im MB-Museums-Format (und kleiner), wo wunderbarer Weise die Ticketpreise auf noch akzeptable – roundabout – 30 Euro sinken, der langfristig bessere Weg ist.

Openmusic. Das ist das, was meine Frau und ich und was die anderen Besucher – das war an deren Reaktionen deutlich wahrnehmbar – an den Konzerten liebten. Egal, ob Richard Bona in seinem „Gute-Laune-Konzert“ die Harmoniesüchtigkeit afrikanischer Musiktradition hochhielt, ob Robert Glasper  mit seiner „Experiment“-Truppe dem Jazz einen (wirklich dringend benötigenden) Impuls in eine kontemporäre Richtung gab, Zaz und Nina Attal mit ihrem Repertoire nur unter Zuhilfenahme jesuitischer Pirouetten als „file under jazz“ subsummierbar sind (dito Winwood/Raitt, dito Copeland). Immer dran denken: It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing. Aber es ist trotzdem kein Jazzopen. Es ist Openmusic.

Und zum Schluss muss ich noch eine Geschichte erzählen: Ich habe gestern während des ersten Drittels des Robert Glasper-Sets einen Lachkrampf  bekommen. Die grün am Armgelenk getaggten Zeitgenosssen der C-Klasse (C für Catering) haben an diesem wunderbaren Abend nach Auftrittsbeginn in überzufälliger Auffälligkeit so schnell die Flucht ergriffen, dass der zahlreiche Rest des Auditoriums einen Jucylucy-Jazzabend erleben durfte, bei dem wir auf die für uns alle spannende Frage, wie’s denn mit dem Jazz und überhaupt mit der Musik so weitergehen könnte, neue, richtig diskutable Antworten zu hören bekamen.

Zeit für ein Fazit mit zwei Punkten:

1. Keine Frage, das war ein Festival der Frauenpower: Attal/Zaz, Raitt, Copeland (selbst gehört). Bridgewater, Krall (nicht live erlebt, aber die Medien ziehen den Hut). Openmusic scheint der kreativen Expressivität von Frauen entgegen zu kommen  … Ich bin sicher, dass ich den Opus-Leuten da keine Tipps für die weitere Programmgestaltung zu geben brauche.

2. Je fetter die Headliners und je süßlicher die Häppchenfraktion umworben wird, desto kritischer werden wir unsere Konzertentscheidungen überdenken (zumal angesichts der Tarife). Denn ein Teil der dort zu erwartenden Besucher banalisiert selbst herausragend gute Konzerte zum Event der Volksfestklasse.

Ich probier’s mal so: Wenn ich Musik hören möchte, gehe ich ins Konzert. Wenn ich Hunger habe, an den Kühlschrank oder in die Kneipe.

Bin gespannt, was 2014 so los ist.

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