The Medium is no Message

The Medium is no Message

Heute schon die Post geholt? In die Mail geschaut? Den AB abgehört? Voice Box geleert, die SIMs und Retweets gecheckt, die rss-feeds und die „Send-to-Reader“-Meldungen zur Kenntnis genommen? Was? Die 16 Spam-Kommentare auf der Web-Site immer noch nicht endgültig gelöscht, drei Plug-ins  nicht aktualisiert und keinen Blog-Eintrag geschrieben? Ach, und die Accounts auf Facebook / Linked-in / Google+ dümpeln einfach so unbeobachtet von Dir hin wie Nussschalen im Meer der nach Antwort, Action und Aufmerksamkeit  dürstenden Kommunikationskanäle?

Macht nichts.

Aufschrei der Networking-Apologeten: Du weißt doch, Präsenz ist alles. Bediene die Kanäle. Je mehr, desto besser. Dabei sein ist alles. Sendepause ist nichts. Gegenfrage: Was soll ich an Inhalten senden, wenn das Senden und Empfangen sowie das Dokumentieren beider Vorgänge den Großteil des Arbeitstages in Anspruch nimmt?

Ich gebe zu, dass mein kulturpessimistischer, fortschrittfeindlicher Einstieg auf persönlicher Erfahrung beruht: André beschwert sich, dass ich seine VoiceMail auf meinem Handy nicht abgehört und beantwortet habe. Warum auch: Seit Tagen rafft mich eine Grippe darnieder und fesselt mich an den heimischen Wigwam (André weiß das) und mein Festnetztelefon hätte seine Botschaft in realtime bis an mein Ohr gebracht. SIMsen tue ich als wurstfingerbewehrter Mitfünfziger ohnehin nicht auf meinem Uralt-Nokia 3220. Und ich fühle mich auch nicht bemüßigt, auch nur irgendwas zu tun oder zu lassen, wenn mir 0172.23277358 SIMst, dass sein neuer Festnetzanschluss unter 02345-671245 zu erreichen ist. Ich weiß nämlich nicht, wer hinter 0172.23277358 steckt. Er teilt’s mir nicht mit und ich hab‘  keine Lust, es zu recherchieren. Beatrice wundert und ärgert sich, warum ich ihren Kurzlink auf Twitter nicht mit einem instantanen digitalen Glucksen quittiert habe. Dass ich Ihr vor wenigen Tagen einen Beitrag aus einem Magazin  über ihr Lieblingsthema „katalonische Hütehunde“ mit mittlerer Mühe eingescannt und als pdf geschickt habe, bedarf offenbar keines  digitalen Dankeschöns. Christian hadert mit mir, weil ich mich partout weigere, meinem iPad zu erlauben, die aktuellen Positionsdaten an Google Latitude zu senden. „Wie soll ich wissen, wo Du bist?“, fragt er erregt. Ich sage: „Bei Trost“. Blöd nur, dass er für „Trost“ keine geokodierbaren Koordinaten gefunden hat.

Szenenwechsel.

Ich hab‘ vor einiger Zeit E-Books als spannende Bereicherung meines Medienkonsums kennen- und schätzengelernt. Mittlerweile habe ich auch schon mindestens einen virtuellen Billy voller Digi-Schmöker: bei Kindle/amazon, als iBook/ Apple, als geschützte „Digital Edition“ à la Adobe/verschiedene Quellen. Blöd nur, dass ich mir partout nicht merken kann, dass der Weinführer für frankophile Käselutscher von Bettane & Desseauve ein nach Adobe-Manier geschütztes Oevre ist, während die Konkurrenz von Hachette zwar ein veritables Digibuch ist, aber in meinem elektronischen Universum nur als App auf meinem iPad griffbereit liegt. Während der berührend gute Bildband über Reisefotografie nur über den Zeitschriften-Kiosk von Apple einsehbar wird. Will sagen: In meinem virtuellen Billy-Regal kann ich die Bücher nicht einfach so sortieren, wie ich möchte, sondern jedes Regalbrett kann lediglich die Bücher enthalten, die der Knute desselben DRM-Systems gehorchen. Also ehrlich: Würdet ihr eine Bibliothek nutzen, die ihre Bücher nicht nach Sachgebiet oder Genre und auch nicht alphabetisch oder chronologisch sortiert, sondern nach Nutzungsrechtbestimmungen?

Ich kann schon hören, wie der eine oder andere sagt: Was kümmert’s mich, es gibt doch Software wie calibre und Konsorten. Ja gibt es, und ich bin dankbar dafür, denn nur mit einer derartigen Software kann ich überhaupt im Blick behalten, was ich wo in meinem Digi-Billy finden kann. Um es ganz klar zu sagen: Wenn es so etwas wie calibre nicht gäbe, dann gäbe es noch nicht einmal mein virtuelles Billy-Bücherregal. Nur zugreifen auf alle Bücher kann ich von dort aus im Zweifelsfall nicht – es sei denn ich nutze Plug-ins, die deutlich am Rand der Legalität das jeweilige DRM-System aushebeln, oder dies auch gleich illegalerweise wegbügeln. Will man eigentlich die Menschen in dieser Medienwelt in die Illegalität zwingen?

Mein Fazit steht für beiden Themen fest: 1. Es ist ja toll, dass es so viele neue Kommunikationskanäle gibt. Aber wenn es so viel Mühe macht, sie alle auch abzuhören, dann bleibt zu wenig Zeit, Inhalte zu erzeugen, die zu  senden gerechtfertigt wäre. 2. Es ist ja toll, wenn es so viele neue Publikationskanäle gibt, deren Medieninhalte ich nutzen kann. Aber wenn ich nicht mit einer elektronischen Imbus-Software  mein virtuelles Billy-Regal zusammenschauben kann, in dem ich meine mediale Beute so unterbringen kann, dass ich das, wonach ich morgen suche, auch finde, dann gehe ich wieder zu meinem Buchhändler und – haut ein Ei drauf – zu IKEA. Frei nach dem Motto: Lebst du schon oder synchst du noch.

Beitrag drucken Beitrag drucken

Ihre Meinung

green red blue grey