Rigmor und das Norah-Jones-Syndrom

Rigmor und das Norah-Jones-Syndrom

Heute möchte ich Euch Musik ans Herz legen, die gleichsam zu vergreisen droht – innerhalb von nicht einmal 20 Jahren. Und damit wären wir beim Problem der sich so rasch ändernden (ach, wirklich?) musikalischen Wahrnehmungswelt.

Ihr kennt vielleicht die schwedische Sängerin Rigmor Gustafsson. Falls nicht: Macht nix, denn spätestens hier lernt Ihr sie kennen, und zwar von ihrer besten Seite.

Rigmor Gustafsson ist eine schwedische Jazzsängerin. Nein, jetzt bitte nicht abwinken, keine weitere Ida Silja-Victoria Nergaardsand-Tolstoy. Wirklich nicht, auch wenn Ihr beim Googeln auf eine ihrer vier CDs stoßen solltet, die sie in den letzten zehn Jahren bei der Plattenfirma ACT veröffentlicht hat. Dort werdet ihr zwar keine schlechte Mixtur aus jazzigen Standards und poppigen Chansons und schon gar keine mittelmäßige Stimme hören. Aber vom Hocker wird es Euch diese musikalische Leichtkost nicht unbedingt hauen.

Und so etwas kann man empfehlen? Ja, googelt Euch in der Diskografie etwas weiter nach unten zu den Scheiben, die Gustafsson bereits in den 1990er-Jahren bei der schwedischen Plattenfirma Prophone gemacht hat: 1995 etwa das Album „Plan #46“, ein Jahr später das meiner Meinung nach beste, weil kompromisslos und hammerhart jazzy eingespielte CD-Teil „In The Light Of Day“ und sozusagen als Schlussakkord der Konzertmitschnitt von 1998 mit dem einfallsreichen Titel „Live“. Das Schöne an diesem Platten-Triplett ist die konzertante Gesamtleistung des Quintetts um Gustafsson. Egal, ob eigene Stücke oder Standards – es ist immer dicht gewebter Jazz durch den sich Gustafssons fulminant wandelbare Stimme durchkämpfen muss, um Gehör zu finden. Bei den ACT-Scheiben nach 2000 ist das Quintett zur Begleittruppe geschrumpft, deren Aufgabe es ist, Gustafssons leicht lasziver Stimme einen bequemen Klangteppich zu bereiten.

Ach, und jetzt mach‘ ich einfach mal Werbung: alle drei frühen Scheiben gibt’s  unter dem Titel „Early Years“ als 3-CD-Box bei amazon und Konsorten für mittleres Geld.

Der angenehme Nebeneffekt: Ihr wisst wieder etwas mehr über die Art und Weise wie die „mayor companies“ ticken. Euch wird bewusst, welch verherende Wirkung die kommerziellen „Umbieger“ in diesen Häusern auf ihre Künstler haben. Sollte diese Pest, die diese Menschen verbreiten, Eingang in die medizinische Literatur finden, schlage ich als Krankheitsbezeichnung dafür „Norah-Jones-Syndrom“ vor. Auch diese Musikerin hat uns zunächst fulminante Erstlingswerke abgeliefert und sülzt heute mit  musikalischen Belanglosigkeiten Player und Ohren zu.

So und jetzt frage ich mich: Wer redet mit Rigmor Gustafsson?

Wer macht ihr klar, dass ihre Kunst entweder noch für ein paar weitere Jahre Einkommen liefert, oder es ihr ermöglicht, Herz & Stimme wieder in einen phantastischen Harmoniebogen einzuaspannen, der diese drei „Frühwerke“ so  schön erklingen lässt. Und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sich mit Scheiben wie „Early Years“ kein Geld verdienen lässt.

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