Jazzopen Stuttgart 2012 – Rückschau mit Seitenhieb

Jazzopen Stuttgart 2012 – Rückschau mit Seitenhieb

Was macht ein gutes Feuilleton aus?

Nun, als Naturwissenschaftler, Technik- und Medizinjournalist steht mir in dieser Frage kein professionelles Urteil zu.

Aber ich mag Jazz. Vermutlich seit ich hören kann (Jahrgang 1956), gewiss aber seit ich 12 Jahre alt war und mir für ein zwei Monats-Budget Taschengeld eine Doppel-CD von einer britischen Live-Aufnahme des Duke Ellington Orchesters gekauft habe, die ich heute nur noch aus diesem sentimentalen Grund hin und wieder höre (wohl wissend, dass Ellingtons Diskografie zu mindestens 95 Prozent bessere Aufnahmen umfasst). Konzidieren Sie mir also zumindest diese Kompetenz: Ich beschäftige mich ziemlich ausführlich mit Jazz und liebe damit mindestens eine der von den meisten Menschen  als Kulturäußerung akzeptierte Kunstform.

Und ich reklamiere eine zweite Kompetenz: die journalistische. Will sagen: Ich berurteile Beiträge nicht nur wie wir alle danach, ob sie uns gefallen oder uns geärgert haben. Ich betrachte sie hin und wieder auch als Werkstücke und frage: Sprachlich gut gemacht (für mich heißt das griffig/verständlich)? Handwerklich sauber recherchiert und mit Kenntnis des Sachzusammenhangs verfasst? Thema mit hinreichender Relevanz gewählt (Aktualität, lokaler/regionaler Bezug, Bedeutsamkeit für Leser)? Fazit daraus: Ich bilde mir sogar ein, einen Beitrag unabhängig vom Thema rein unter journalisten Aspekten qualitativ bewerten zu können.

Kehren wir also zur Ausgangsfrage zurück und wenden und der Kritik in der Stuttgarter Zeitung zu drei Konzertabenden zu, in denen die Auftritte von Dr. John, Esperanza Spaldings Radio Society sowie dem Trio von Monty Alexander summarisch im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung thematisiert werden.

OK, wer Stuttgarts Kulturleben (was ja beileibe nicht siechend ist) nicht kennt, könnte glauben:“Wow – in der Stadt muss ja wohl der Bär steppen – drei Brüller-in-Breitwand-Konzerte, die über die Woche hinweg stattgefunden haben, müssen in einem Feuilleton-Beitrag zusammengestöpselt werden, weil ja offenbar drumherum noch eine ganz andere Post abging.“ To make a long story short: Gebt Euch nicht zu viel Mühe nach anderen lokalen Super-Highlights zu fahnden, wegen derer reihenweise jazzopen-Konzerte von der Kulturseite fliegen mussten.

Beispiele gefällig:

Am Donnerstag war das 50jährige Bühnenjubiläum der Stones nicht nur die Titelseite gut, sondern auch den Kulturaufmacher wert.Keine Frage: da kommt man einfach nicht dran vobei.

Keith Jarrets pädagogisches Publikums-Mikado „Wer zu erst hüstelt, bestimmt das Konzertende“ (ein diabolischer Contest an einem Ort der Rekonvaleszenz wie Baden-Baden !) dominierte die zweite Kulturseite. Da müssen wir schon verstehen, dass Esperanza Spaldings Auftritt, der nach meinem bescheidenen Dafürhalten die Frage aufwarf, ob aktueller Jazz jenseits des allgegenwärtigen Post-Bops nicht auf diesem Weg ein Schlupfloch aus der 736. Variante von „Lester Leeps in“  schaffen könnte, keinen Weg ins Blatt gefunden hat. Da müssen wir auch verstehen, dass der davor stattfindende 70-minütige Set des Weltklasse-Trios Joey DeFrancesco/Larry Corryell/Jimmy Cobb mit keinem Wort im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung erwähnt wurde (Hallo, Kolleginnen und Kollegen, ich weiß nicht, wo ihr abends hingeht, aber diese saftig-kraftvolle Musik hat das Publikum bereits in den ersten Minuten mit unheilbar guter Laune infiziert“). Weil? Ja auch am Folgetag musste das Feuilleton epochalen und doch in der Region verankerten Ereignissen den Vorrang geben. Etwa dem urstuttgarter Aufmacherthema: Woody Guthries hundertstem Geburtstag, der nicht im Leben aber dafür in der Stuttgarter Zeitung stattfinden kann. Der fast die komplette Seite einnehmende Beitrag beschreibt das Werk des Künstlers, der in meiner Kulturgalaxie für mindestens zwei Planeten gut ist, aber hätte man nicht wenigstens eine kleine Meldung darüber verlieren können, dass bereits die ganze Woche über im Jazzclub Bix erstklassige Konzerte im Rahmen von jazzopen stattgefunden haben?

Ja, und dann ist da noch die Preisverleihung der German Jazz Trophy  an Monty Alexander am Samstag. Im Beitrag: ein halbwegs aktuelles Passbild des Ausgezeichneten als Futter vom Veranstalter, obwohl ausreichend viele Fotojournalisten anwesend waren und ausnahmsweise sogar der Preis selbst – eine knackig farbige Holz-Plastik von Otto Herbert Hajek – ausgesprochen ästhetisch lecker anzuschauen war. Und der Text dazu? Mehr Zeilen – zu alledem adaptiert aus der Rede des Laudators – über das Lebenswerk des Künstlers, als über das eigentliche Ereignis selbst, nämlich Monty Alexanders mit Tastenkapriolen gespicktes, von erstklassigen Sidemen an Bass und  Schlagzeug begleitetes, vor Spielfreude strotzende Trio-Konzert.

Mein Fazit daraus: Das Programm der Jazzopen, das in den Vorjahren in künstlerischer Beliebigkeit und musikalischer Belanglosigkeit zu versinken drohte, zeigt  wieder schärfere Konturen, die den Namensbestandteil „Jazz“ tatsächlich rechtfertigen. Kurz gesagt: Jazzopen wird immer besser. Nur warum wird das Feuilleton der Stuttgarter Zeitung immer schlechter?

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2 Kommentare

  • Jürgen Schlensog - Mittwoch, 18. Juli 2012

    Guten Tag Herr Zell,

    es freut mich, dass unser Programm dies Jahr Ihr Gefallen findet. Das Problem unseres „geschärften Jazzprofils“ liegt jedoch in der Tatsache, dass wir rund 4.000 Besucher weniger verzeichnen, als im Vorjahr. Es wird ein wirtschaftlicher Spagat bleiben, guten Jazz mit publikumsträchtigen Abenden zu verbinden. Aber das ist nicht neu, sollte jedoch nicht untergehen.

    Wir werden es jedenfalls weiter versuchen.

    Freundliche Grüße

    Jürgen Schlensog

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    • raz - Mittwoch, 18. Juli 2012

      Ja,
      Herr Schlensog,
      ich kann’s mir lebhaft vorstellen, die Sache mit dem Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und dem Programmprofil. Ich möchte mit Beiträgen/Kommentaren wie diesen hier auf dieser Website Veranstaltern wie ihnen Mut machen, den Spagat weiterhin zu versuchen, auch wenn die Übung hin und wieder an empfindlicher Stelle schmerzt. Aber die „jazzigen“ Programmabende müssen – zumindest was meine Erwartung anbelangt – auch nicht notwendig mit Doppelkrachern wie hier beschrieben (also DeFrancesco/Coryell/Cobb zum Ersten und Esperanza Spalding on top) bestückt werden. Warum nicht ein Zugpferd mit (noch) weniger bekannten, aber innovativen Künstlern zusammenspannen? Das würde die Ausgabenseite sicher etwas entlasten und zugleich das „Jazzprofil“ schärfen.

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