Jazzopen Stuttgart 2012 – Konzertkultur braucht dringend einen Rettungsschirm

Über die allsommerlich in Stuttgart stattfindenden JazzOpen-Konzerte – zumindest, wie sie sich in den letzten Jahren programmatisch und atmosphärisch gaben – habe ich schon einigen Spott ausgeschüttet. So auch hier auf zell-on-air. Gestern (11.07.2012)  waren wir auf dem siebten Konzert des diesjährigen Festivals. Das Fazit: musikalisch traumhaft schön, die Location (Open air vor dem Mercedes-Benz-Museum) erstklassig, das Wetter trotz bedrohlich heraufziehender Gewitterwolken kreuzbrav. Doch das ganze Drumherum alptraumhaft. Der Untergang zwar nicht des gesamten Abendlands, aber zumindest der Konzertkultur steht vermutlich unmittelbar bevor. Aber der Reihe nach.

Ich geb’s unumwunden zu: Obwohl Jazzfans ja für gewöhnlich für den Rest der hörfähigen Welt wahlweise als intellektuelle Spinner oder als ebensolche Feingeister gelten, mag ich’s im Jazz ab und an „fat and dirty“. Diese Neigung gab den letzten Ausschlag, für schlappe 75 Euro pro Ohrenpaar (also nach meinem Dafürhalten ist das richtig viel Geld) zwei Tickets zu ordern. Denn: Headliner an diesem Abend waren Esperanza Spalding und ihre Radio Society (Wenn öffentlich-rechtliche Sender solche Musik spielen würden, dann würde ich meine GEZ-Gebühren doppelt, ja eventuell sogar dreifach bezahlen). Wer an dieser virtuellen Stelle meine Elogen auf diese phantastische Bassistin/Sängerin gelesen hat, dem brauche ich nicht mehr  erklären, warum die Tickets sein mussten. Aber die Attacke auf meine Geldkarte wurde noch vehementer geführt. Denn zum Auftakt sollte der derzeit wohl weltbeste Hammond-Orgel-Jazzer die MB-Oldtimer hinter ihm und das Publikum vor ihm mit seinen Leslie-Lautsprechern zum Wummern bringen. Und als würde das nicht schon genügen, schlappten mit Lary Corryell (g) und Jimmy Cobb (dr)  zwei meiner All-Time-Heroes mit Joey DeFrancesco auf die Bühne. Also, was soll man drum herum reden: Das war FAT & DIRTY. Dieser Groove, der Sound so satt, die Stücke für den rund 70-minütigen Set so gut gewählt, dass jeder im Trio seine Kabinettstückchen vorführen durfte, das war großes Tonfilm-Kino. Der Nucleus musicus im Zwirbelhirn war erst einmal versorgt.

Nach der Pause: Radio Society.

Wir haben in Deutschland Pop-Akademien, Jugendjazzorchester, Echos und Deutsche Schallplattenpreise (What the F* is a Schallplatte?). Und wir haben hierzulande vor allem so viele Musikerinnen und Musiker, die wirklich brüllend gut (Jazz) spielen können. Und dann fliegt der Veranstalter die Radio Society ein. Also bei aller Em- und Sympathie für deutsche Jazzmusik, aber das ist so, als vergleiche man die Mannschaft von Barca mit dem VfB. Das Fazit: Für die mittlerweile erfolgsgewohnte Esperanza mag’s ein Pflichtspiel gewesen sein. Mir hat es über alle Maßen gefallen. Die sympathisch rüberkommende Frau ist eine echte Entertainerin. Und: was mich besonders freut: Ihre Stimmführung wird immer besser. Hohe Lagen, bei denen sie noch auf den vorangegangenen Scheiben zur „Kigsigkeit“ (gibt’s so etwas in der Vokalmusik?) neigte, singt sie mittlerweile seidenweich aus. Und die Frage, ob sie Bassistin ist, die ihr Instrumentalspiel mit Gesangseinlagen garniert oder ob sie ihren Gesang mit Licks am E- oder Kontrabass anreichert, ist ebenfalls obsolet. Sie macht beides und führt dabei noch die komplette Radiogesellschaft. Wow. So eine Intendantin mag ich. Dieses Hörerlebnis bleibt.

Tja, und jetzt die kalte Dusche.

Wir sitzen andächtig auf hartem Stein (abgepolstert durch edel dunkelgraue Polyurethan-Kisselchen mit  „Mercedes-Benz-Museum“ in der firmeneigenen „Corporate“-Schrift drauf). Die Ohren sind erfüllt von Musik, wie sie auf Wolke 7 vermutlich nicht besser dargeboten werden wird. Das Hirn bereitet sich emsig auf einen jener musikalischen Glücksmomente vor, wegen derer wir immer noch sagen: „So gut wie über den getreuen MOS-FET-Amp und die Speaker zuhause wird’s nicht klingen, aber hier dabei gewesen zu sein, das bleibt Note für Note eingemeißelt.“

Und dann?

Ja, dann suchen erst einmal 50 Leute neue Plätze, weil ihnen die alten nicht gefallen (Bucht doch einfach über die Portale, wo ihr seht, wie ihr sitzt?). Haben sie kommodere Sitzflächen eingenommen, erhalten sie vom Durstzentrum im Hirn die Anforderung: Mehr Bier/Wein/Wasser/Apfelsaftschorle/Fencheltee.

Erneute Wanderung. Zurück (mit Getränk) regt sich nach kurzer Zeit die Blase – erkennbar an einer weiteren Wanderbewegung eines Teils des Publikums in Richtung Toiletten – quer durch den Zuhörerraum.

Unter den offenbar noch nicht durstigen und daher noch nicht harndranggesteuerten, also ortsfest sitzend verweilenden Besuchern (fast hätte ich sinnentstellend von „Zuhörern“ geschrieben) gewinnt epidemisch der Wunsch an Raum, sich der Nachbarin/dem Nachbarn anzuvertrauen. Die von vorne abgestahlte Musikbeschallung ist der Lokalität leider angemessen dimensioniert. Also laut.

Aber nicht jenseits der Schmerzgrenze. Jene muss jedoch überschritten werden, sobald das Kommunikationsbedürfnis einzelner Besucher so stark ansteigt, dass man nur opernartig markant (und laut) seinem Nachbarn und allen anderen Ohren in fünf Metern Entfernung klar und deutlich mitteilen kann: „Du, ich war heute in der Stadt“.

Nachdem unsere Ohren diese und  30 weitere epochale News zwangsläufig zur Kenntnis genommen haben, also die Finesse verpasst haben, wie Larry Coryell den Ravel’schen Bolero aufdröselt und anschließend musikalisch wieder fest vernäht, und das Trio seinen furiosen Showdown vorbereitet, wandert der erste Besitzer eines Catering-Lounge-Zusatztickets (plus 40 Euro) Richtung Tröge. Vorbei an der Bühne defilliert er wie ein Pausen-Clown, streckt einem perplexen Joey DeFrancesco, der mit seinem kompletten Körpergewicht (meine Schätzung 150 kg) die Anschlagsdynamik seiner B3 ans Limit führt, den Daumen hoch, um was, ja was eigentlich zu sagen? Mein Verdacht: „Gut gespielt, Jungs, aber ich muss jetzt meine 40 Euro vernaschen. da will ich in der Schlange vorne stehen.“

Joey, Larry, Jimmy: Danke für die tolle Zugabe, die leider rund ein Drittel der Besucher nur als Hintergrundgeräusch wahrnehmen konnte, weil sie ihre 40 Euro ja auch irgendwie verkonsumieren mussten.

Ist das hier nur Publikumsbeschimpfung? Nein, überhaupt nicht. Der Veranstalter kriegt auch sein Fett weg.

Der erste Act, die ersten Musiker werden doch per stage announcement – durchaus kenntnisreich und unterhaltsam – angesagt. Doch sobald das Trio die Bühne betritt, demissioniert der Moderator für den Rest der Show (Hey sag’s, wenn die Gage zu knausrig war, dann legen wir Zuschauer im nächsten Jahr gerne noch 50 Cent auf den Ticketpreis drauf, damit Du sogar den Topact ansagen kannst).

Die Radio Society meistert auch diese aus meiner Sicht für Stuttgart schäbige Schlampigkeit. Klasse der Einstieg, bei dem man zunächst nicht weiß: Stimmt man noch da das eine oder andere Instrument? Sucht ein Handwerker noch einen flotten Sender, damit die Arbeit flutscht? Und dann broadcasted Esperanza Spaldings Radioshow, dass der Kitt aus den Fenstern fliegt. Pro Stück arbeiten die Radio-Gesellschafter mehr Ideen ein, als andere (Jazz-)Musiker auf einer kompletten CD zum Besten geben würden.

Eine Zugabe gab’s nicht. Warum auch? Das eine Drittel unter den Zuschaueren wollte schnell nach Hause, das zweite Drittel hoffte noch auf ein paar Häppchen mit Schampus und verschwand in der Lounge. Das dritte Drittel stand  klatschend vor der Bühne. Begeistert wie wir. Liebe Stuttgarter Konzertgänger, das reicht einfach nicht.

Nachklapp

Manchmal wird man ja gerne falsch verstanden. Deshalb noch dieser Hinweis: In manchen Opernhäusern oder zu klassischen Konzerten – so sagte man mir (sorry, keine eigene Erfahrung darin) – werden verspätete Besucher nur noch in Pausen eingelassen, um zu verhindern, dass Publikum und Musiker durch herumirrende Besucher in ihrer Konzentration / ihrem Hörgenuss gestört werden. Und von Keith Jarret wird kolportiert, dass er wegen hüstelnder Zuhörer schon einmal ein Konzert abgebrochen und sich über das Banausenverhalten wie ein Rohrspatz beschwert hat.

Darum geht’s mir nicht. Aber – und an dieser Stelle gibt’s für mich kein Vertun – der Zauber eines Konzerts entsteht dort, wo Musiker durch die Virtuosität ihres Spiels und ihre Leidenschaft für die Musik nicht nur die Gehörgänge der Zuhörer erreichen, sondern die Menschen selbst. Als Zuhörer – das haben mir schon viele Musikfreunde – egal, in welchem Genre sie ihre Vorlieben finden – bestätigt, merkt man das unmittelbar und ohne Zweifel. Denn: die Musik macht, dass es einem plötzlich  heiß und kalt den Rücken runterläuft.

Solche Momente gibt es leider nicht in jedem Konzert. Aber ihre Hoffnung darauf sind der Grund für Musikfreunde immer wieder in Konzerte zu gehen und für die Musiker die Belohnung strapaziöser Tourneen. Ich hoffe, Ihr seht den Punkt: It takes two for tango. Und wer Musik nur nebenher hören möchte, kann ja auf dem Weg zur Lounge Fahrstuhlfahren.

 

 

 

 

Beitrag drucken Beitrag drucken

Ihre Meinung

green red blue grey