Weinmesse Straßburg 2012 – ein Rückblick

Weinmesse Straßburg 2012 – ein Rückblick

Der Geldbeutel geplündert, die Füße platt, der Kopf voll mit neuen Geschmackseindrücken, der Keller mit interessanten Flaschen gefüllt. Für uns ist am Samstagabend die gigantische Schaubühne französischer Weinmacherei zuende gegangen (Keine Angst, die Pforten sind noch bis Montag, den 20. Februar offen). Unser Fazit ist vielfältig, mit ganz unterschiedlichen Facetten. Also:

Erlebniswert I

Sagenhaft. Ihr tretet in eine Halle ein und das gesamte gallische Wein-Hexagon eröffnet sich Euch zum Greifen, Riechen, Kosten, Fachsimpeln, Staunen oder was auch immer. Es ist eine ziemlich harte Nuss, ein Anbaugebiet – ach was sage ich – eine AOC zu finden, die von einem der mittlerweile fast 500 in Straßburg anwesenden Winzern nicht präsentiert werden kann.

Erlebniswert II

Man kann nicht nur ad libidum Weine verkosten – egal, ob sie 6,50 € oder 65,00 € kosten. All diese Tropfen werden einem in der Regel von einem der Menschen eingeschenkt, deren Arbeit und Sorgfalt diesem Produkt gilt – also der Winzerin, dem Winzer selbst, dem Partner/der Partnerin, Freunden, Helfern etc. Das heißt: Es wird Euch nicht nur Wein eingeschüttet, sondern er wird Euch authentisch ins Glas gefüllt. Neben Duft, Optik und Geschmack bekommt Ihr auch eine recht präzise Vorstellung, wie dieses Weingut tickt.

Nutzwert

Als Besucher von Verkaufsveranstaltungen deutscher Qualitätswinzer – etwa vom Schlage des VDP – treibt es mir hier die Tränen in die Augen. Grandios, welch einfache und effektive Logistik auf den Messen dieser französischen Winzervereinigung herrscht, um Konsumenten wie Produzenten gleichermaßen glücklich zu machen. Um die Damen und Herren vom hochedlen VDP von ihrem hohen Ross zu holen, habe ich mir folgendes Gedankenexperiment überlegt: Eine 180-Grad-Videokamera  wird an der Mitte der Hallendecke während der Straßburger Weinmesse am Wacken postiert. Im Zeitraffer (sagen wir einmal Samstag 12:00 Uhr bis 16:00 Uhr als 60-Sekunden-Sequenz) zeigt die Optik, wieviele Kartons die Winzer an ihren Mini-Ständen „nachladen“ und welche Massen an Weinkartons ein riesiges Heer von weinkonsumierenden, zweibeinigen Ameisen in eben dieser Zeit in der Lage ist, aus der Halle zu schaffen. Zusätzlich Umschnitt: Close-Ups von Besuchern, die keine Mühe, keinen noch so weiten Weg zum Parkplatz scheuen, um die Beute „mit stolz geschwellter Brust“ nach Hause zu bringen. Ich bin sicher, dass dieser 1:40 min-Take die Marketingexperten der deutschen Weinwirtschaft automatisch zu Kunden deutscher Kieferorthopäden machen würde – wegen der Diagnose „ausgerenkter Unterkiefer“.

Wir sahen darüberhinaus Weinkartons auf Rollatoren, im Kinderwagen, Hacken-Porsche, Rucksack oder Koffer-Trolley sowie Kartons mit „Griffen“ aus Klebeband kurzerhand zum Transport „passend gemacht“ – von den Profis ganz zu schweigen, die Ihre Einkäufe auf stabilen Sackkarren gleich 4-, 8- oder auch 16-kartonfach abräumen.

Wenn ich das vergleiche mit entsprechenden Publikumsveranstaltungen deutscher Winzer, die ich bisher erlebt habe, dann bleibt mir einfach die Spucke weg: Der eine sagt: „Nein, wir verkaufen hier nicht“, und zwar in einem entrüsteten Ton, sodass der Frager annehmen muss, er habe am Stand nach Pornoheftchen verlangt. Die zweite drückt mir eine Liste der derzeit verfügbaren Weine nebst Preisliste in die Hand, und flötet, dass ich „bei Gelegenheit“ alles bestellen könne. Der dritte „Repräsentant“ (also ein für die Veranstaltung engagierter Promoter, der auf Messen heute Moselwein, morgen Motorsägen und übermorgen Müslis anpreist) erweist sich als rheinische Frohnatur und empfliehlt mir einen Blick auf www.deutscherwinzerverkauftsogarauchweinwennmandennwirklichwill.de

Hier deshalb meine Basisforderung: Wein darf in Deutschland ein Selbstvermarkter nur dann weiter anbauen und in Verkehr bringen, der mindestens einen Tag lang auf einer vergleichbaren Veranstaltung wie der Straßburder Weinmesse zur Fortbildung anwesend war. Das vermasselt zwar im Winzerbusiness den schicken Werbeagenturen und Website-Creativen das Geschäft, könnte aber zu Absatzmöglichkeiten für die Weingüter führen, wo denen ganz schwindelig wird, wie schnell sich das Flaschenlager leert.

Und wo bleibt das Negative?

Oh, bitte gerne. Ich mag zwar ein frankophiler Käselutscher sein, aber schaut Euch mal die Preislisten in Straßburg an: Der günstigste Wein eines Weinguts, das wir seit vielen Jahren kennen und für solide Qualität (von Jahr zu Jahr) schätzen, tarifiert mit 5,25 €. Der günstigste Kauf, den wir diesmal getätigt haben, liegt bei 5,50 € pro Flasche. Abseits der Schnäppchen ist unser Resumée: Es wird verdammt schwierig, „einfache“ aber dennoch charaktervolle Weine unter 8,00 € zu finden. OK! – werden germanische Weinfreunde sagen – das ist bei uns nicht wesentlich anders. Ich finde nein. Also bei uns gibt’s einige Rieslinge, Weißburgunder und Sylvaner aus der 6-7-Euro-Liga im Keller, die hinsichtlich ihres Geschmackserlebnisses und dem Trinkspaß, den sie vermitteln, durchaus mit drei bis vier Euro teureren Franzosen locker mithalten können. So lieb, wie mir französische Weine sind, aber für ausgesprochen preissensible Weinfreunde sind die Gallier längst nicht (mehr) erste Wahl – zumindest, was Weißweine anbelangt. Bei Rotweinen, so meine Meinung, bauen deutsche Erzeuger schnell eine Preishürde auf, die ich nicht immer bereit bin zu überspringen.

Und das Fazit

Unsere Empfehlungen, die wir hier vor der Messe ausgesprochen haben, müssen wir aus unserer Sicht nicht korrigieren. In vielen der Anbaugebieten, aus denen wir Wein kaufen, zeigt sich: Dort, wo dieser Vergleich bereits möglich ist, muss der Jahrgang 2010 als ausgesprochen gelungen gelten. Wir dürfen also gespannt dem nächsten Messetermin im Februar 2013 entgegenfiebern, wenn auch jene Winzer ihre 2010er-Weine abverkaufen, die diesmal noch 2008- und 2009er auf der Liste hatten. Das gilt aus unserer Probiererfahrung heraus etwa für den Südosten (Languedoc, Roussillon), für die südliche Rhone (z.B. Vacqueras, Lirac, Gigondas) und für Chablis. Im Südwesten (Cahors und Madiran) wurden uns heuer zu wenige 2010er präsentiert, um daraus schon eine Tendenz ableiten zu können. Dort lagen für uns Weine aus 2009 in der Regel geschmacklich ganz klar vor jenen aus dem Vorgängerjahr. Trotz ihrer Jugend zeigten sie sich komplexer; vor allem aber schmeckt man, dass die Trauben in 2009 offenbar in der besten Reife geerntet werden konnten, während Weine aus 2008 nicht immer diesen Eindruck vermittelten. Mit einem Wort also: Á l’annee prochaine.

 Zuerst ein Verdacht und dann noch ein Lob zum Schluss

Die Winzervereinigung hat wieder einmal an fast alles gedacht (bis auf ein paar Sitzgelegenheiten für die erschöpften Besucher. Zwei Dutzend Hocker für geschätzte 3000 bis 4000 Besucher zum Beispiel am Samstagnachmittag sind arg ärmlich, liebe Vignerons Independants!). Sogar zwei Alkohol-Test-Geräte am Hallenausgang fehlten nicht. Klar haben auch wir die geforderten sechs Sekunden ins Röhrchen geblasen. Ergebnis Nullkommanull Promille. Und das nach acht Stunden intensiven Weinverkostens (allerdings immer alles brav ausgespuckt!). Mein Gedanke dabei: Hoffentlich nutzt die Polizei auch die von diesem Winzerverband gesponserten Alkomaten mit der weinfreundlichen Eichung. Und das dickste Lob geht an das Baudezernat der Stadt Straßburg. Die Behörde hat es bereits nach zehn Jahren geschafft, den „Acker“, der gegenüber der Ausstellungshalle als Parkplatz dient, soweit aufzuschottern, dass er selbst bei Schmuddelwetter als einigermaßen begehbar gelten darf. Da sage einer, in Europa gehe es nicht voran – sofern der Schotter reicht.

 

 

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1 Kommentar

  • Carlos - Dienstag, 20. März 2012

    Hallo und Respekt, genauso haben wir es erlebt. Wir hatten noch den Vorteil, eine vorbestellte Sendung bei „unserem“ Winzer aus Gigondas abholen zu können und der stand just genau am Eingang. Das verkürzte das Procedere enorm. Stundenlanges Probieren wollten wir diesmal nicht. Ein Erlebnis ist diese Messe aber allemal. Sowas findet man in D nicht.
    à la prochaine
    Carlos

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