Weinmesse in Strassburg – Unsere Empfehlungen für 2012

Weinmesse in Strassburg – Unsere Empfehlungen für 2012

Seit Anfang Januar hat der Veranstalter der Weinmesse, die Vereinigung der unabhängigen Winzer in Frankreich „Vignerons Independants“ die Liste der teilnehmenden Weingüter auf der Straßburger Weinmesse auf seinen Webseiten ins Netz gestellt. Die dort verfügbare Information beantwortet vor allem zwei entscheidende Fragen: Welcher Betrieb aus welcher französischen Weinbauregion ist anwesend? Und unter welcher Standnummer – also wo in dem ziemlich großen Hallengelände – findet man diese Domäne?

Selbst wer nicht gleich auf die bekanntesten, größten und besonders zahlreich vertretenen Anbaugebiete wie das Burgund oder die Bordelaiser Chateaux zusteuert, bekommt es rasch mit der Qual der Wahl zu zun. Aus einer unserer Lieblingsregionen, dem Languedoc/Roussillon, was ja nun auch nicht gerade zu den kleinen Anbauregionen gehört, sind beispielsweise dieses Jahr laut Liste 164 Winzerbetriebe vertreten. Und selbst absolute Nischen-Weinliebhaber, sagen wir einmal Freunde der Anbauregion Jura/Savoie, müssten immerhin schon 14 Stände ansteuern, um sich über alle aus diesem Gebiet stammenden und in Straßburg präsentierten Weine ein Bild machen zu können.

Auswahlstrategien sind gefragt

Angesichts dieses enormen Angebots ist es klug, sich vor Betreten der Messehalle Gedanken zu machen, was man eigentlich mit dem Besuch bezweckt:Schnäppchen jagen? Im Weinhandel nur selten anzutreffende AOC kennenlernen? Den Keller mit den Flaschen der altbekannten Favoriten füllen? Neue Weingüter und vielleicht die – noch bezahlbaren – Stars von Morgen entdecken? An interessanten Motiven mangelt es wahrlich nicht. Doch egal, was Euch in die Messehalle am Wacken führt, einen Ratschlag solltet Ihr beherzigen: Trinkt um Himmelswillen nicht die gesamte Weinmenge aus, die man Euch ins Probierglas eingegossen hat. Nicht nur, weil hinterher vermutlich zumindest Einer/Eine aus Eurer Besuchergruppe das schwere Los gezogen hat, die fröhliche Runde im Auto wieder sicher nach Hause zu bringen. Sondern auch, weil Ihr sonst spätestens am zehnten Stand bestenfalls noch Rot- von Weißwein unterscheiden könnt.

Was immer Euch zu dieser Messe führt, einen dummen Spruch können wir Euch nicht ersparen: Lesen bildet. Eine gute Vorrecherche ist einfach das beste Rüstzeug, um in diesem Indoor-Weinmeer nicht hilflos abzusaufen. Wir nutzen dafür systematisch eines der Standardwerke der französischen Weinliteratur, „den“ Hachette oder präziser zitiert „Le Guide Hachette Des Vins„. Das mittlerweile auf rund 1400 Seiten angewachsene Kompendium ist ein jährlich aktualiserter – besser gesagt: neu zusammengestellter – „Weinführer“ der – wie es auf dem aktuellen Titel der 2012er-Ausgabe heißt – aus 36000 verkosteten Weinen rund 10000 für Wert erachtet, zwischen den Buchdeckeln erwähnt zu werden. Allein die Aufnahme in diesen Führer ist also bereits eine gewisse Ehrung, auf die die allermeisten Winzer ihre Kunden auch gerne und stolz hinweisen. Besondere Weihen erhält ein Wein durch die Vergabe von einem bis drei Sternen. Und in den Olymp wird ein Wein aufgenommen, wenn die Verkostungsjury des Hachette ihn als „Coup de Coeur“ adelt.

Weinführer zum Lieben und Hassen

Wie bei vermutlich allen Weinführern in allen Ländern gibt es Anhänger und Verfechter „des“ Hachette und Zeitgenossen, die dieses Buch als GAU (größten anrichtbaren Unsinn) verspotten. Und? Aus unserer Sicht haben beide Lager a bisserl recht. Wir schätzen am Hachette, dass er mit jeder Ausgabe nicht nur „die üblichen Verdächtigen“ auflistet, sondern auch Weine von für uns noch neuen, unbekannten Weingütern vorstellt. Das ist beispielsweise bei dem in Frankreich von Weinexperten deutlich höher geschätzten „Classement de Meilleurs Vins De France“ nicht so. Hier finden sich Beschreibungen und Urteile von Weinen der Güter, die nach Ansicht der Autoren zu den Besten einer Anbauregion gehören. Bis in dieses Werk ein Newcomer Einzug halten kann, da ist er meist ohnehin schon überall zum önologischen Superstar ausgerufen worden.

Der entscheidenende Nachteil des Hachette ist die Tatsache, dass wir als Leser nicht wissen, welche Weingüter sich dem Urteil der Verkostungsrunde mit welchen Weinen überhaupt gestellt haben. Ist also ein Wein / ein Winzer, den wir aus früheren Jahren als qualitativ hochstehend kennen, nicht in der neuen Ausgabe des Hachette vertreten, so heißt das: nichts. Es kann sein, dass „sein“ Wein zum Einsendeschluss noch gar nicht auf der Flasche war, dass der Wein schon längst über einen asiatischen Großhändler komplett abverkauft wurde, oder es kann bedeuten, dass sich der Winzer das letzte Jahr über die nach seiner Ansicht grotesken Fehlentscheidungen der Verkostungsjury so geärgert hat, dass er beschlossen hat, diesen Weinführer fortan zu boykottieren.

Ein Aspekt, der oft ebenfalls dem Hachette als Nachteil angekreidet wird, ist die Tatsache, dass die Weinbeurteilungen auf Mehrheitsentscheidungen einer Jury beruhen. Das hat zur Folge, dass hier „mehrheitsfähige“ Weine selektioniert werden. Eigenbrödlerische Gewächse mit Ecken und Kanten, die der einen Weinnase Freudentränen ins Gesicht zaubern und der anderen Weinliebhaberin vor Abscheu die Gesichtszüge entgleiten lassen, schaffen es im Hachette niemals zum Coup de Coeur. Das muss man einfach wissen, wenn man sich mit dem Hachette im Handgepäck auf önologische Schatzsuche begibt. Und auch wir haben schon so manchen Coup de Coeur im Glas gehabt und gefragt: Na, und? Das soll’s jetzt sein?

Trotzdem machen wir fast jährlich vor jeder Weinmesse einen „Abgleich“ mit den aus einem Anbaugebiet anwesenden Winzern und deren Abschneiden im jeweils aktuellen Hachette. Unsere Erfahrung dabei: Auf diese Weise haben wir gerade aus uns noch fremden AOC tolle Entdeckungen gemacht. Und wer Angst hat, Frösche küssen zu müssen, sollte vielleicht besser aufs Weinverkosten verzichten.

Bei Vingrau endet das Tal von Tautavel in einem wunderschönen, natürlichem Amphitheater. Auf der "Bühne" wachsen die edelsten Weine dieser AOC im Roussillon. Wer südfranzösische Rotweine mag, findet in diesem Anbaugebiet ausgesprochen leckere Weine.

Aus unserem Nähkästlein

Klar, wir haben so unsere Favoriten, und richtig, wir haben Euch lang genug auf die Folter gespannt. Hier also einige der Weingüter, die wir zum Teil schon seit mehr als zehn Jahren kennen, und an deren Stand wir einfach nicht vorbeigehen können, ohne etwas zu probieren.

Chablis

Ja, wir outen uns: Wir mögen Chablis. Und zwar den ganz einfachen (Petit-Chablis) wie die „normale“ AOC-Qualität (Chablis), hin und wieder aber auch bestimmte Lagen-Chablis (Chablis Premier Cru), etwa Côte de Léchet oder auch Les Fourneaux. Zu unseren Fischzubereitungen passen diese Tropfen einfach sehr gut dazu. Und wir nennen hier drei Namen: Dom. Barat (diesmal Stand: B-99), Sylvain Mosnier (B-4) und Alain Gautheron (E-39). Alle drei Winzer grinsen schon, wenn wir an ihren Ständen auftauchen, weil sie inzwischen um unsere Mini-Verkostungsrunde Chablis wissen. Aber es ist einfach zu schwierig: Mal liegt der Côte de Léchet von Barat vorne, ein andermal hat Gautheron einen Mont de Milieu zum Träumen, und in einem anderen Jahr putzt Mosnier mit seinem Guts-Chablis alle anderen von der Platte. Wir hegen den Verdacht, die drei Winzer sprechen sich im Vorfeld ab, um uns arme Hascherl durch die Halle zu hetzen.

La Corse

Kenner korsischer Weine behaupten, dass die in Straßburg anwesenden Güter aus diesen AOC besonders gute Abgesandte dieses Anbaugebiets sind. Wir kennen uns da nicht so gut aus, haben aber mit der Dom. Leccia (B-85) auch einen Korsen auf unserer Liste, der immer wieder feine Sachen anbietet – und zwar über die gesamte Kollektion hinweg: Weiß-, Rosé- und Rotwein, bis hin zum fruchtig süßen Muscat. Schnäppchen gibt’s an diesem Stand eher keine, aber die Weine machen garantiert sehr viel Freude.

Rosé

Schon wieder ein Coming out: Ja, wir mögen Rosé-Weine. Nicht nur im Sommer und nicht nur auf der Terrasse. Wir mögen nur nicht alle Rosés. Wir mögen schon gar nicht die seit einigen Jahren à la mode gewordenen „Hightech-Rosés“, die dank modernstem Keller-Equipment (die Stichworte lauten hier temperaturkontrollierte Gärung, Niedrigtemperatur-Fermentation, Einsatz von Reinzuchthefen, Ultrafiltration) einer alkoholhaltigen Flüssigkeit ähneln, bei der wir schwören könnten, sie wäre aus aufgelösten Himbeer-Bonbons gemacht. Immer mehr Winzer folgen diesem Trend, der auf die extrem flüchtigen Primärfruchtaromen setzt. Das macht den Rosé auf der Weinmesse zu unserem Angstgegner: Denn nirgendwo kündigen wir schneller einem Winzer die Treue auf wie hier. Was im letzten Jahr noch richtig lecker schmeckte, kann uns dieses Jahr entsetzen – und umgekehrt. Deshalb hier keine Namen. Nur soviel sei gesagt: Im Languedoc suchen wir (vorzugsweise aus der Lage La Clape) nach unprätensiösen Syrah-Grenache-Mischsätzen, ebenso in der Provence (aber seid gewarnt: Das Fröscheküssen ist in dieser AOC unausweichlich) und wenn wir einmal einen gehaltvollen, durchaus kräftigen Rosé benötigen, tendieren wir eher zur Mourvèdre-Traube aus dem Bandol als zu dem aus Mischsätzen bestehenden Tavel, der uns dann doch wie der französische Vetter des (alle Schwaben jetzt Weghören!) blass gebliebenen Trollingers vorkommt, aus dem partout kein vernünftiger Rotwein werden will.

Der Südwesten

Wer Weine mit Ecken und Kanten sucht, sollte sich mit Weinen aus dieser Region des Hexagons näher beschäftigen. Unsere beiden Favoriten-AOC heißen Madiran und Cahors. Beide verdanken ihre unverkennbare Stilistik jeweils einer Rebsorte, die vor allem dort angebaut wird. Beim Cahors ist es die Malbec-Rebe, beim Madiran der Tannat. Um es klipp und klar zu sagen: Entweder mag man diese expressiven und meist sehr tanninigen Weine, oder es zieht sich beim „Genuss“ derselben nur das Maul zusammen. Vornehm auf önologisch darf man von adstringierenden Weinen sprechen. Aus dem Cahors möchten wir Euch zwei Weingüter ans Herz legen. Das ist zum einen Clos Triguedina (B-2) und Chateau Eugenie (A-25). Jean-Luc Baldes vom Clos Trigedina ist als Mensch sicher genau so verschlossen, wie seine Weine für einige Zeit (vor allem seine sortenreinen Malbecs), aber ihr müsst einmal auf seine Hände schauen, und dann wisst ihr, dass dieser Winzer seine Kreationen im Weinberg macht und den Keller nur dafür braucht, das zu erhalten, was die Natur draußen so großartig hat entstehen lassen. Billig sind seine Weine nicht (fragt Jean-Luc mal nach den Hektarerträgen seiner Malbecs – Deutsche Winzer würden solche Erträge unter Totalausfall verbuchen), aber in guten Jahren kommen sie an die Weine jenes Cahors-Weingutes heran, das für uns der leuchtende Stern dieser AOC ist, nämlich Chateau du Cèdre (leider nicht auf der Messe anwesend).

Etwas preiswerter, und bislang immer von beachtlicher Qualität sind die Cahors von Chateau Eugenie. Noch ein Tipp/eine Warnung zu diesen außergewöhnlichen Tropfen: Cahors-Weine (vor allem die einfacheren Qualitäten, die meist aus Mischsätzen bestehen) schmecken in den ersten zwei, drei Jahren meist bereits lecker und zeigen sich vor allem von ihrer fruchtigen Seite. Danach folgt eine Phase, in der sich die Weine verschließen, flach, ja geradezu enttäuschend schmecken. Wer das nicht weiß, bekommt Panik im Keller und denkt: „Mist, zu lang gewartet.“ Aber keine Panik: Nach acht (besser zehn) Jahren erreichen diese Weine fulminante Geschmackshöhepunkte. Jetzt betören vor allem die Sekundäraromen, die diese Weine so einzigartig und unverwechselbar machen. Also: Diese Delle in der Performance locker aussitzen und danach eine Flasche genießen, die garantiert ebenso viel oder gar mehr Freude macht als zehnmal so teure Grand Cru Classés aus dem Bordeaux-Gebiet. Und schaut Euch die Farbe an! Baldes nennt einen seiner sortenreinen Malbecs „Black Wine„.

Kommen wir also zum Madiran, dessen Leitrebsorte Tannat schon ahnen lässt, dass es hier durchaus ruppig im Glas hergehen kann. Manche unserer Freunde haben Weine dieser AOC schon einmal despektierlich als Sockenzieher bezeichnet. Das französische Weinmarketing kontert solche Verleumdungen mit medizinischen Studien, wonach die Weine dieser AOC die höchste kardiovaskuläre Schutzwirkung von allen Rotweinen weltweit auf den Konsumenten ausüben sollen. Um auch mit diesem Verdacht hier aufzuräumen: Dieser medizinische Umstand ist nicht der Grund, weshalb wir hin und wieder einen Madiran trinken. Bis vor wenigen Jahren war in Straßburg auch das nach Expertensicht beste Weingut dieser AOC vertreten, nämlich Chateau Montus / Chateau Bouscassé – beide geführt von der Leitfigur des Madiran-Weinbaus Alain Brumont. Leider gibt sich der Superstar in Straßburg nicht mehr die Ehre. Wir haben eine sympathische und meist preisgünstigere Alternative für Euch: Cru du Paradis (C-79) oder falls Ihr einen weiteren Versuch wagen wollt: Chateau d’Aydie (D-51). An beiden Ständen gibt’s charaktervolle, eigenständige und zugleich bezahlbare Weine.

Süßes

Falls Euch der Madiran dann doch zu „adstringierend“ war, probiert die Süßweine aus dieser Region am Fuß der Pyrenäen, sie firmieren unter dem Zungenbrechernamen der AOC Pacherenc-du-vic-bilh. Gerade einmal 260 Hektar misst deren Anbaufläche, auf der neben wenig trockenen Weißweinen vor allem sehr eigenständige süße Vertreter gedeihen. Auch dies schmeckt nicht jedem, aber eine preiswerte Alternative zu den aus unserer Sicht maßlos überschätzten Sauternes-Weinen sind sie allemal. Und garantiert ein geschmackliches Abenteuer.

Die Weinberge der AOC Maury im Hintergrund mit der Kartharerburg Chateau Queribus im Kalksteingebirge des Corbieres.. Der "schwarze Schiefer" bietet den alten Grenache noir-Weinstöcken das ideale Terroir für einen unvergleichlichen Süßwein für alle Schoko-Fans.

Ein abschließender Tipp für Süßwein-Fans: An der Loire produziert das Chateau Pierre-Bise (B-49) exquisite Süßweine etwa aus der AOC Quarts-de-Chaume, die aus unserer Sicht zum Niederknien gut schmecken und ihren (nun auch nicht gerade supermarkttauglichen) Preis allemal Wert sind. Für Schokoladenmonster ist das ultimative Weingut in Straßburg präsent, Mas Amiel (E-34). Was hier nach oxidativer Gärung als AOC Maury auf Flaschen gezogen wird, ist über jeden Zweifel erhaben gut und eine echte Alternative zum Portwein. Mit einem Schluck der Vintage Reserve der Mas Amiel geht Euch selbst Bitterschokolade mit 98 Prozent Kakaoanteil schmelzig sanft und äußerst wohlschmeckend über die Zunge. Und weil das so schmeckt, und weil nach der Verkostung eines Maury nun wirklich gar nichts mehr geht, dürft Ihr diesen Schluck selbst in Straßburg tatsächlich bis zum Ende genießen – sozusagen „one for the road“.

Die Kommentarfunktion ist auch bei diesem Beitrag aktiv. Falls Ihr Tipps habt, unsere Neugier ist unermesslich. Viel Spaß in Straßburg.

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