Ist es noch blauer Dunst oder schon geistiger Nebel?

Ist es noch blauer Dunst oder schon geistiger Nebel?

Also, ich kann nicht anders. Nachdem sich alle Welt auf zell-on-air.de vor allem die Beiträge über die Straßburger Weinmesse reinzieht – was darauf hindeutet, dass der Leserschaft suchtgefährdende Substanzen nicht gänzlich unbekannt sind – lese ich via Spiegel online (SPON) „Nikotinpflaster sind komplett nutzlos“ – einen im Tenor niederschmetternden Bericht, der auf einer wissenschaftlichen Studie von Autoren der Harvard School of Public Health (nun, das ist ja nicht der kreuzdämlichste Laden der US-amerikanischen Medizinforschung) beruht. Mein wissenschaftsjournalistisch verkürzter Abstract, also die rustikale Zusammenfassung dieser Arbeit lautet: Was immer sich die Raucherschlote für nette Ablenkungsmanöver („nicotine replacement therapies (NRTs)“) ausdenken – egal, bringt nix.

Ich möchte jetzt nicht in die Fundamentalexegese des experimentellen Designs dieser Arbeit eintreten, aber Wissenschaftler, die eine Studie mit 787 Teilnehmern beginnen und denen in der ersten Nachuntersuchung nach zwei Jahren fast die Hälfte der Teilnehmer – aus welchen Gründen auch immer – von der Fahne geht, und die in der dritten Untersuchungswelle (weitere zwei Jahre später) nur noch auf ein wackeres Häuflein von 248 Personen (also weniger als ein Drittel der ursprünglichen Teilnehmerschar) zurückschauen können, denen nehme ich die Behauptung, die SPON mit dem den Worten kolportiert,  „dass ihre Daten in diesem Fall dadurch nicht verzerrt wurden“ irgendwie nicht mehr freiwillig ab. Da muss man mich schon richtig hauen, damit ich so etwas als plausibel akzeptiere.

„Schnitt“ ruft der Regieassistent, denn jetzt verwandele ich mich vom Reportierenden zum Betroffenen.

Wieviel habe ich bis vor wenigen Jahren geraucht, oh brothers and sisters! Schachtelweise habe ich meine Lungenalveolen asphaltiert, also mit Teer überzogen, wohlwissend (als Medizinjournalist) aber wegwischend (als irrational handelnder Mensch), dass dies sowohl meine Lebenserwartung als auch meine zukünftige Lebensqualität signifikant senken würde.

Ich will jetzt keineswegs behaupten, dass es die in meinem Fall gewählten Nikotinpflaster waren, die mich von dieser Sucht loskommen ließen. Nein, liebe rauchenden Zeitgenossen, dieser Kampf findet an mehreren Fronten gleichzeitig statt, das Manöver dürft ihr wirklich nicht unterschätzen. Aber die Pflaster haben im entscheidenden Moment (Suchtexperten nennen diese unbändige Gier, dieses Lechzen nach der  Substanz „Craving“) meine Rezeptoren im Hirn soweit „eingelullt“, dass es mir mit großer Anstrengung, List und Tücke gelingen konnte, die Attacken irgendwie ohne neuerlichen Zug an der Fluppe zu überstehen. Harvard hin oder her.

Dieser Weg hat für mich funktioniert. Ob er auch für jemand anderes auf diesem Planeten zum Erfolg führt, daran glaube ich felsenfest, weil das Nikotin im Pflaster seinen physiologischen Job in der Birne macht, damit sich der Süchtler voll und ganz auf das eigentliche Problem konzentrieren kann – nämlich seine Verhaltensautomatismen aufzuknacken. Ich kann nur beim besten Willen nicht sagen, bei wem’s klappt und bei wem nicht. Oder wie unser altersweise gewordenene Panikrocker Udo Lindenberg formuliert: „Mach Dein Ding“ – wenn’s hilft, dann eben mit Nikotinpflaster. Tatsache ist: Seit vier Jahren entweichen keine Rauchzeichen mehr aus meinem Tipi, Ehrenwort großer Manitu. Der Kauf dieser unverschämt teuren Pflaster war meine bislang bestverzinste Geldanlage.

Und noch während ich dieses schreibe, flattert der Bericht in der Fachzeitschrift Neurology (Sorry, ich musste den Link rausnehmen, weil die Zeitschrift für den Abruf eine Menge Geld sehen möchte, daher hier nur als sekundärliterarische Quelle die BBC) einer US-amerikanischen Mediziergruppe auf den Tisch, wonach Nikotinpflaster in der Lage sind, die kognitive Leistung von Menschen mit MCI (für „Mild Cognitive Impairment“), einer Vorstufe demenzieller Erkrankungen, messbar zu verbessern. Was lehrt uns das?: Ob die teuren Pflaster einen leichter vom blauen Dunst loskommen lassen, ist anscheinend fraglich, aber sie helfen eventuell dabei, sich länger an dieses Vorhaben zu erinnern.

Ach ist das beruhigend zu sehen, wie statistisch gesicherte Erkenntnisse so beharrlich an der eigenen Realität vorbeizischen können.

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