Wutachschlucht: Groß ist relativ – aber absolut schön

Wutachschlucht: Groß ist relativ – aber absolut schön

Nordamerikaner haben den Grand Canyon, und – boy, oh boy – diese Millionen Jahre andauernde „Laubsägearbeit“ des Colorado River ist wirklich gigantisch. Unsere Nachbarn im Westen sind – es ist nunmal die Grande Nation – stolz auf ihren „Grand Canyon“, nämlich die Gorges du Verdon – immerhin Platz eins unter Europas Schluchten. Und der Stolz ist berechtigt. Oh, lalà, diese in das Karstgebirge gefräste, mehrere Hundert Meter tiefe, üppig bewaldete Rinne ist „très magnifique“. Beide Naturwunder durften wir schon aus der Nähe erleben und die Eindrücke davon haben sich  unauslöschlich in unsere Erinnerung eingegraben, wie die Flüsse in die Gesteinsmassive.

Doch „groß“ ist  relativ, und so verfügt auch Deutschland über einen größten Canyon – die Wutachschlucht im Südschwarzwald. Und sollen wir Euch etwas verraten? Die fanden wir letztes Wochenende so richtig gigantisch. Wir nutzten einen schönen Sommertag, um den wohl attraktivsten Abschnitt der Schlucht – zwischen Schattenmühle und Wutachmühle – zu erwandern. Fünf Stunden reine Gehzeit muss man one way dafür einkalkulieren. Wir wunderten uns über die Kilometerangaben; sie schwanken nämlich je nach Quelle zwischen 12,5 und 14 Kilometer. Da hören sich fünf Stunden Gehzeit reichlich bemessen an. Doch soviel Zeit sollte man schon einkalkulieren, wenn man nicht wie ein Getriebener den Pfad entlang hetzen möchte, sondern die sehr vielen schönen Ausblicke, imposanten Passagen und wild-romantischen Szenerien, an denen man vorbei kommt, angemessen genießen will.

Doch der lausige Schnitt der Wandergeschwindigkeit ist drei weiteren Umständen zu verdanken: Obwohl wir „im Prinzip“ flussabwärts unterwegs waren, verläuft der Weg vor allem auf der ersten Hälfte (von der Schattenmühle beginnend) heftig bergauf und wieder hinab. Das könnt Ihr sehr genau an der ein Stück weiter unten downloadbaren GPX-Datei unserer Tour verfolgen. Und Geschwindigkeitsbremse Nummer zwei: Die Beliebtheit dieser Wandertour ist sozusagen auf Schritt und Tritt zu erkennen; die reichlich vorhandenen Steine auf dem an vielen Stellen aufgeweichten, rutschigen Pfad sind von den Sohlen der Wanderbrigaden glattgeschmirgelt wie Alabaster. Da heißt es, sich ganz kontrolliert fortzubewegen, wenn man nicht als Nordic-Walking-Stockente sein MSP (Mechanisches Stabilitäts-Programm) klappernd zum Einsatz bringt. Und Retarder Nummer drei: Die Kilometerangaben auf den Schildern vor Ort, in den Broschüren, Webseiten etc halten wir nach diesem Wochenende für reichlich ungenau. Zumindest hatte unser mitlaufendes Garmin-Navi am Ende und nach „Bereinigung“ diverser elektronischer Verschlucker in der engen Schlucht satte 15,3 Kilometer auf dem Tacho. Als Beleg könnt Ihr gerne den aufgezeichneten Track (GPX-Datei) anschauen.

Track Wutachschlucht

(1266)

Zur Navigation braucht Ihr ganz sicher kein Navi. Die Beschilderung der Strecke ist geradezu beängstigend perfekt, auch wenn uns die Entfernungsangaben darauf teilweise suspekt vorkamen. Tatsache bleibt: Das ist eine gigantisch schöne Tour. Falls Ihr also eine Liste führt, was Ihr noch unbedingt in diesem Leben machen wollt, setzt die Wutachschlucht drauf.

Aber wann? Da können die Meinungen auseinander gehen. Was die Jahreszeiten anbelangt, da hat jeder seine Präferenzen. Nur eines kann man sicher sagen: Bei Schnee und Eis würden wir diesen Weg nicht so gerne gehen wollen. Aber Wochenende oder unter der Woche? Nun, das Wochenende hat den Vorteil, dass sich das örtliche Busunternehmen ein goldenes Näslein mit dem „Wanderbus“ verdient und die Wanderer zwischen den Hauptein- und -ausstiegen „Lotenbachklamm – Schattenmühle – Bad Boll – Wutachmühle“ einen prima Shuttleservice (3 Euro p. P., meist im Stundentakt) geboten bekommen. Die Woche über fahren die Busse im ganz normalen ÖPNV-Netz. Das heißt für Unsereins, die Transportlogistik penibel genau zu planen. Dafür dürfte das „Verkehrsaufkommen“ in der Schlucht deutlich geringer ausfallen. Sagen wir es einmal so: Wir waren an einem Sonntag mitten zur Ferienzeit und bei gutem Wetter unterwegs. Und wir hatten nie länger als für fünf Minuten das Gefühl, allein in dieser erhabenen Landschaft zu sein. Wem das zu rummelig ist, sollte lernen, sich in kursbuchartige Fahrpläne einzulesen, denn Rundtouren sind in diesem Gebiet aus unserer Sicht nur etwas für Wanderer mit Marathonambitionen.

Völlig zurecht dürft Ihr auf dieser Seite erwarten, dass wir Wandertipps durch gastronomische Abschweifungen erweitern. Das gilt auch für diese Tour. Wir haben Tisch und Bett im nahegelegenen Tal der Steina in der Nähe von Bonndorf gefunden. Übernachtet haben wir in der Walkenmühle – liegt klasse mitten im Steinatal und ist sicherlich ebenfalls ein sehr guter Ausgangspunkt für Wanderungen. Doch richtig angetan waren wir vom Gasthof Sommerau, ein schmuckes Hotel mit  sehr ambitioniertem Restaurant (momentan im FEINSCHMECKER mit FF bewertet), in dem man sich sofort wohl fühlt. Die Lage – mitten auf einer Lichtung des Steinatals – und das Ambiente – schaut Euch die Website an – sind sehr schön, unser Essen (das Naturwirte-Menü mit Pfifferlingssuppe, Sauerbraten vom Hirsch und Waldbeerengrütze mit Quarkeis für 35 Euro p. P.) war exzellent, der Service freundlich, aufmerksam, unaufdringlich. Also genau so, wie wir’s mögen. Und die Preise ? Am oberen Rand des Rahmens, den diese Zutaten sowie die Verarbeitungs- und Dienstleistungsqualität nun einmal abverlangen. Also eine eindeutige Empfehlung, auch wenn wir nicht wissen, wie’s sich in dem schmucken Haus (inklusive Sauna und Naturteich zum Schwimmen) nächtigt. Eine Station des Glücks? Das wissen wir noch nicht, aber als Kandidat hat sich „die Sommerau“ für einen zweiten Besuch locker  qualifiziert.

Und weil unsere Kameras in diesem nassen Sommer unter Auslöse-Entzugserscheinungen gelitten haben, durften die Digitalos in der Wutachschlucht Mega für Mega Pixel malern, bis der Zwischenspeicher glühte. Eine Auswahl davon zum Abschluss als Galerie. Der Appetithappen für den „little big german Canyon – die Wutachschlucht“.

 

 

Beitrag drucken Beitrag drucken

Ihre Meinung

green red blue grey