Raz-fatz – und schon ist man gaga

Raz-fatz – und schon ist man gaga

Als Radio und Tonträger die bis dato monomediale Welt der Druckerzeugnisse erweiterten, warnten Kulturpessimisten, quäkende Kisten würden die Menschheit verdummen.

Als das Fernsehen und Tonbildträger die duomediale Welt erweiterten, warnten Kulturpessimisten , flimmernde und quäkende Kisten würden die Menschheit verdummen.

Als das Internet die trimediale Welt erweiterte, warnten Kulturpessimisten, weltweit vernetzte Kisten würden die Menschheit verdummen.

Jetzt, wo Social Media und Interaktivität die multimediale Welt erweitern, warnt eine Kulturpessimistin, Facebook und Co  würden …

Na, was glaubt Ihr? Richtig! Dieses Teufelszeug würde die Menschheit verdummen.

Ihr bezweifelt, ich sei ernsthaft? Auf folgende Meldung stieß ich heute morgen: „Facebook macht Menschen kindisch„. Erste Reaktion: Augen reiben. Zweite Reaktion: Nachschauen. Wer ist Susan Greenfield? Erster Fund: Wow, arbeitet an der Oxford University. Nochmal Wow:  Sie ist Hirnforscherin. Zum drittenmal Wow: Ist ’ne echte Baroness. Und das vierte Wow: Befasst sich mit der pharmakologischen Wirkung von Betäubungsmitteln und Drogen auf die Rezeptoren in unserem Oberstübchen.

Klar dachte ich. Das Mädel hat nachgeguckt, wie es im Rattenhirn rockt, wenn man den Nagern einen iPad oder andere tablets zu futtern gibt (Jetzt erlaubt mir einfach diesen öttinger-denglisch-dummen Kalauer). Denn, sie fand heraus, dass Facebook die Menschen kindisch macht. Diese Schlussfolgerung hätte mir fast das fünfte Wow abgerungen, wenn ich die Neuro-Baroness hätte verstehen können. Das war jedoch – so das Ergebnis meiner weiteren Recherche – nicht der Fall. Susan Greenfield hat keine für mich im Netz auffindbare Arbeit publiziert, die eine dosisabhängige Infantilisierung durch Facebook-Nutzung nahelegt. Weder in-vitro, noch in-vivo, noch im Menschenversuch. Sie hat – so muss ich die oben zitierte Meldung deuten – lediglich ihre kulturpessimistischen Befürchtungen – man könnte auch sagen: ihr Stammtischgeschwurbel – bei einem Gespräch mit dem österreichischen Kollegen geäußert. Was für tablets sie immer auch dabei in ihren Tee rührte. (Ja, ich weiß. Schon wieder der Kalauer)

Die wissenschaftliche Brillianz und Stringenz dieser Plauderei wollte nun so gar keine Wow-Gefühle aufkommen lassen: Eine Generation von Selbst-Besessenen erzeugten, so Greenfield, Facebook und Twitter, die nur zu kurzen Phasen der Aufmerksamkeit fähig wären und ständig um Feedback aus dem sozialen Umfeld buhlen würden. Aha, dachte ich: Der erste Halbsatz ist die Schlussfolgerung, die beiden angefügten Faktenbehauptungen die  Belege dafür.

Das ist Unsinn, sagt Ihr? Das fand ich auch. Also habe ich weitergelesen.

Aha, dachte ich, das folgende Zitat belegt die Schlussfolgerung, „Unser Gehirn passt sich evolutionär an Veränderungen der Umgebung an – auch an Social Networks.“ Ah, dachte ich (Für ein „Aha“ wurde es mir jetzt ehrlich gesagt zu neuronebulösologisch).

Spontan entschied ich an dieser Stelle, in meinem nächtsen Leben Neurobiologe und Nobelpreisträger zu werden, und zwar in exakt dieser Reihenfolge. Neurobiologe, weil ich die Abbaugeschwindigkeit von Hirnsubstanz beim Ausüben verschiedener Tätigkeiten messen lernen möchte (Also zB: Phoenix gucken versus Super-RTL oder QVC). Nobelpreisträger, weil es mir aufgrund dieser Arbeiten gelingen wird, international gültige Einheiten für diesen Schwund zu definieren, nämlich das „raz“ und das „fatz“. Ein raz ist dabei definiert als die Aktivitätsdauer, die zum Verlust von einem Promill der Hirnsubstanz führt. Das „fatz“ wiederum steht für den totalen Hirnmasseverlust.

Lest einfach die „Facebook-macht-kindisch-Meldung“: Dabei schreitet der neuronale Zelltod sozusagen raz-fatz voran. Vor allem wenn man dann noch den Gefällt-mir-Knopf klickt und den Freunden twittert, was man gerade gelesen hat.

Und wenn Ihr nicht sicher seid, ob Ihr alle Neuronen zuverlässig erreicht habt, dann klickt auf „USA: Ein Drittel will Handy statt Sex„. Wow das wirkt fatz-fatz.

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