Eingewickelt, nicht eingelullt

Eingewickelt, nicht eingelullt

Alex Steinweiss ist im Juli 2011 gestorben. 94-jährig. Der Stuttgarter Zeitung war es immerhin einen Zwanzigzeiler-Nachruf wert, gekennzeichnet als  dpa-Agenturmeldung. Diese wiederum war die mehr schlecht als recht gekürzte Miniatur einer Story, die zwei Tage zuvor in der New York Times als Autorenbeitrag von Steven Heller erschien. Die dpa-Meldung war simpel abgekupfert, wie ich beim Lesen beider Texte ohne Textvergleichs-Software unschwer bemerkte, sozusagen gezuguttenbergt im Lande der Erfinders beweglicher Lettern. Soweit, so ungut.

Die Person Alex Steinweiss ist uns sehr wahrscheinlich nicht unmittelbar vertraut. Doch was er der Welt gab (allerdings keineswegs schenkte), ist ein kleines Stückchen Glück, das zumindest die Ab-40-Jährigen bestens kennen. Der Grafikdesigner ist  der Erfinder des Schallplattencovers. Genauer gesagt: der meist bunt bedruckten Papphülle, in der wir die Scheiben aufbewahren und wiederfinden konnten.

Erfunden hat er sie aus einem anderen Grund: Völlig zu Recht erkannte er, dass niemand gerne Waren kauft, die in Verpackungen stecken, die alle Menschen unattraktiv finden.

Alex Steinweiss‘ einfache wie geniale Idee basiert auf der sehr nützlichen Erkenntnis, dass es den Umsatz in die Höhe schnellen lässt, wenn man Menschen Träume anstelle schnöder Produkte verkauft. Also wusste er, dass Schallplattenfirmen ihre hässlichen Schellack- später Vinylscheiben in ansehnliche Papphüllen stecken mussten, damit die Musikliebhaber schon beim Greifen nach der Scheibe im Laden zu träumen beginnen konnten – weit bevor die Nadel auf der Platte landete und die Musik mit dem Cover eine unzertrennliche emotionale Bindung einging – eine Verknüpfung, deren glücklichmachende Wirkung selbst dann noch auftrat, wenn die zigmal abgedudelten Platten total verkratzt und die während des Hörens in der Hand gehaltenen Hüllen längst aus dem Leim gegangen waren.

Alex Steinweiss ist also tot. Ein guter Teil der Musikindustrie scheint es ebenso zu sein. Zumindest stimmt sie mit mächtiger Stimme ihr eigenes Totenlied an wie es sizilianische Klageweiber nicht inbrünstiger tun könnten. Die beiden Strophen lauten:

1. Die Musiknutzer haben keinen Respekt mehr vor dem geistigen Eigentum.

2. Es gibt nur noch eine internette „wo-kann-ich-das-für-umsonst-runterladen“-Kultur.

Bullshit, sage ich. So wie Alex Steinweiss in den 1940er-Jahren „bullshit“ sagte und den Bossen der Plattenpresser klar machte, dass sie ihren Reibach nicht mit Tonträgern, sondern mit Träumen machten, die gut aussahen und schön klangen. Das kostete zwar ein paar Cent zusätzlich an Produktionskosten (für Grafiker, Drucker, Transporteure), spielte aber ein Vielfaches davon sofort wieder ein, weil die schick verpackte Schallplatte unmittelmar den „Haben-Wollen-Reflex“ bei der Klientel auslöste.

Der Niedergang der Musikindustrie (den ich eigentlich nicht wirklich bedauere) begann mit einem Formatwechsel – von der Vinylscheibe zur CD. Der sichtbare Traum (für mich als Konsumenten im Plattenladen) schrumpfte auf ein Viertel, der Preis – zumindest in den Anfangsjahren – verdoppelte sich. Die lieblosen Plattencover in den euphemistisch „Jewel-Cases“ genannten Polycarbonathüllen begnügen sich heute häufig mit der Wertigkeit von Neun-Cent-Fotoabzügen. Textinformationen schrumpfen auf Vier-Punkt-Format, signaliseren also, dass sie mindestens so ungern gelesen sein wollen wie die Versicherungsbedingungen meiner Haftpflicht. Booklets, in denen attraktive Fotos, erhellende, machmal gar amüsante Texte zur Entstehungsgeschichte des „musikalischen Werks“ oder zur Zufälligkeit respektive Planungsakribie des dahintersteckenden musikalischen Projekts zu finden und dank ausreichend großer Typografie auch ohne Lupe lesbar sind, werden zu Raritäten.

Wer will so ein lieblos vor die Kundschaft geworfenes Produkt wirklich haben?

Alex Steinweiss‘ längst beantwortete Frage ist heute verblüffender Weise wieder offen. Zumindest solange die Musikindustrie nicht begreifen möchte, dass ihr ärgster Feind nicht „Raubkopierer“ heißt und am heimischen Rechner sitzt, sondern „Kreativabteilung“, die ihre Ideenlosigkeit dank hausinterner IT verwaltet. Sie ist die Ursache dafür, dass vielen Hörern offenbar eine verlustfreie Dateikopie für das musikalische Erlebnis ausreicht. Nicht auszudenken, wenn einer wie Alex Steinweiss im Licht der heutigen multimedialen Möglichkeiten „Plattenhüllen“ für das 21. Jahrhundert erfinden würde. Unkopierbar, mit allen Sinnen erlebbar, und mit Herz & Seele. So als wär’s ein Ding, das ich mehr lieben könnte als meinen mp3-Player.

 

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