Etwas für die Repeat-Taste

Etwas für die Repeat-Taste

Wer meinen Musikgeschmack ein wenig verfolgt hat, weiß, dass ich eine ganz klare Schwäche für Americana aufweise. Warum? Es ist „Unterwegs-Musik“ und im besten Fall das genaue Gegenteil von einem Soundtrack für dumpfbackige Stiernacken. Vielmehr Musik, die noch am ehesten als emotionales Musikpendant der eurasisch stämmigen Musiker zum afro-amerikanischen Blues gelten darf. Und die – wenn sie in Text, Komposition, Musikalität und künstlerischer Ausdrucksstärke wirklich gut ist – mein Herz ebenso berühren kann wie ein Worksong aus dem Big Easy oder ein Blues aus der South Side von Chicago.

Und so ein Ding lag heute mit „paper  airplane“ im Player. Die seit so ungefähr sieben Jahren erste neue Scheibe von Alison Krauss und ihren wackeren Mitstreitern „Union Station“. Himmelherrgesangverein: Was ist die CD gut. Die elf Titel wunderbar in ihrer Abfolge ausgesucht. Die Eigenkompositionen Spitzenklasse. Die Übernahmen fremder Titel phänomenal, und ich rede nicht von Trallafitti-Liedchen. Ich rede etwa von „My Last Farewell“, das Jackson Browne unsterblich gemacht hat, oder von „Dimming of The Day“, das für meinen Geschmack Bonnie Raitt so unübertrefflich interpretiert hat, das ich dafür plädiert hätte, für diesen Song ein Coverversions-Verbot auszusprechen.

Und dann – das ist für mich neu bei CDs dieses Genres – eine Aufnahmetechnik, die einen (ehrliche Monitorboxen vorausgesetzt) direkt ins Studio beamt. Wow. Oh, ist das gut.

Einziger musikalischer Mangel: Nach nicht einmal einer dreiviertel Stunde ist Schluss. Achtet also drauf, dass die „Repeat, full album“-Taste an Eurem Player einwandfrei funktioniert.

So und jetzt wird gemeckert: Musiker, Produzenten, Labels – alles und jeder regt sich über die „Wo-kann-man-das-für-umsonst-runterladen“-Mentalität des Publikums auf. Sicherlich zurecht, denn ohne Honorierung verhungert jeder Künstler. Aber dann schaut Euch doch mal das Booklet zu der CD an, die ich gerade für 14,99 Euro erstanden habe. Nette Bildchen. OK. Text, der in weißer 6-Punkt-Typo auf den lebhaften Fotountergründen kaum entzifferbar ist (zumindest für Over50ies), keine Lyrics. Und im Netz – ich hab Euch den Link weiter oben gelegt – wunderbar viele Zusatzinfos für umme. Wer also – außer so sentimentalen Trotteln wie mich, die  ein kleines Glücksgefühl verspüren, wenn sie so eine wunderbare Platte in der Hand halten – soll solch einen Silberling käuflich erwerben?

Fazit: Für die Musik und die Musiker also sechs von fünf möglichen Sternen, für das Produkt zwei davon. Macht in der Summe also vier Sterne.

Oh, wie schade, nicht die Höchstwertung.

Aber die Repeat-Taste funzt ja.

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