Großtrappen: Showtime in Brandenburg

Großtrappen: Showtime in Brandenburg

Neu ist die Erkenntnis nicht, aber immerhin durch die Faktenlage gedeckt: Das männliche Geschlecht auf Brautschau neigt zu Verhaltenseskapaden, die der unbeteiligte Zuschauer nur mit ungläubigem Kopfschütteln quittieren kann. Allen die Zweifel an diesem Urteil hegen und selbstredend allen Vogelliebhabern empfehlen wir einen Besuch des Havelländischen Luchs im schönen Brandenburg während der Monate April bis Mai. Mit ziemlicher Sicherheit wird man dort von einem der beiden Beobachtungstürme (einer ist direkt vom Dorf Garlitz aus zu erreichen, ein zweiter nur zirka ein Kilometer weiter nördlich von einem Abzweig der Straße Garlitz-Buckow und beide sind ausgeschildert) eines der faszinierenden Balzrituale beobachten können, die die europäische Vogelwelt einstudiert hat, nämlich den Tanz der Großtrappenhähne. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, den großen, an den Flanken königsblau leuchtenden Kehlsack kontrastiert von schneeweißen Schmuckfedern am Kopf bis zum Bersten aufgeblasen – so stolzieren die erregten Hähne in ihrem prächtigen Gefieder übers Grasland, um die wie unbeteiligt und zufällig beiwohnenden Großtrappenhennen von ihrer Fitness zu überzeugen. Stundenlang kann es dauern, bis die Damenwelt endlich Interesse signalisiert und wehe dem Trappenhahn, wenn dann – kurz vor dem Ziel – ein Nebenbuhler das Tanzparkett betritt. Fest steht: Ein „Cheap date“ ist das Anbaggern von Großtrappenhennen sicher nicht und der „return of invest“ längst nicht garantiert.

Die beste Tageszeit für ornithologisch orientierte Großtrappenvoyeure ist wie üblich in der Vogelwelt der frühe Vormittag und der späte Nachmittag. Wir haben (Mitte April) in Brandenburg auf ein vogelkundliches Hardcore-Programm mit Aufstehen vor Morgengrauen verzichtet und  die Türme während zweier Tage jeweils von etwa halb acht bis halb elf Uhr morgens und so etwa von 16/17 – 19 Uhr abends aufgesucht. Jedesmal mit Erfolg, allerdings unterschiedlichen Ausmaßes. Zum einen schwankte die Zahl der beobachtbaren Individuen zwischen einigen wenigen und – im Rekordfall – 12 Hähnen und 18 bis 20 Hennen. Das dürfte, wenn die letzten im Netz publizierte Populationszählung dieses Standorts noch zutrifft, fast die vollzählige Trappenbelegschaft gewesen sein. Zum anderen variierte die Beobachtungsdistanz. Um es ganz klar zu sagen: Bei aller Verliebtheit achten sowohl Tänzer als auch das weibliche Publikum auf gehörigen Abstand zu den merkwürdigen Zweibeinern, die mit ihren metallenen Stielaugen von den Türmen glotzen. In unserem Fall waren es mindestens 100 Meter, es konnten aber auch gut und gerne 300 Meter sein. Andere Besucher, die wir dort trafen, die regelmäßig dem Spektakel beiwohnen, berichteten allerdings, dass die Showbühne auch schon mal in die direkte Nachbarschaft eines der beiden Türme verlegt wurde. Wie fast immer beim Vogelbeobachten lässt sich die Chance auf Glück nur durch Zeitinvest und Beharrlichkeit erhöhen.

Wer auf fotografische Großtrappenjagd geht, sollte mit Brennweite nicht geizen. Hier ein Beispiel aus unserer Ausbeute mit 600 mm (bezogen auf Kleinbildformat) und ohne Ausschnittvergrößerung. Formatfüllend ist anders.

Wer auf Fotos hofft – Close-ups von balzenden Trappenhähnen sorgen in jeder Bildpräsentation für anerkennendes Murmeln – sollte also so viele Millimeter Brennweite einpacken wie möglich. In unserem Fall sind das momentan 400 mm, also dank Cropfaktor unserer Kameras 600 mm im Kleinbildformat entsprechend. Das hier gezeigte Foto ist so entstanden. Nicht, weil wir glauben, es sei atemberaubend gut, zeigen wir es hier, sondern eher als Dokument dafür, dass der Trappenfotograf schwerste optische Artillerie auffahren sollte. In der offenen Feld- und Brachlandschaft ist in der Regel immerhin ein gutes Büchsenlicht verfügbar. Wer also mit Stativ und Fernauslöser sowie Spiegelvorauslösung arbeitet, ist auf der richtigen Seite. Eine informative Broschüre über den „märkischen Strauß“ findet Ihr beim Brandenburgischen Umweltministerium. Die Trappenschützer vor Ort vom Förderverein haben ebenfalls eine – allerdings reichlich biedere Netzpräsenz. Alle „Ornis“ wissen ohnenhin, wo im Netz die Trappe trapst.

 

Blühende Landschaften in Brandenburg? Kein Problem, im Frühling. Nur nicht in Form von wertschöpfenden Indstrie- und Gewerbeansiedlungen.

Bleibt zum Schluss noch Zeit für einen Themenwechsel: Uns haben die Dörfer und Alleen sowie die Überflutungsflächen des brandenburgischen Havellands ausgesprochen gut gefallen. Die „Wartezeit“ zwischen den morgentlichen und nachmittäglichen Showblöcken lässt sich aufs Angenehmste mit Erkundungsfahrten füllen. Die viel beschworenen „blühenden Landschaften“ haben wir in Form von opulent blühenden Obstbaum- und Lindenalleen in der Tat vorgefunden. Nur Industrieansiedlungen oder Gewerbegebiete, in den anderes als Kik & Lidl angesiedelt ist, sind bereits keine 50 Kilometer von den Toren Berlins entfernt praktisch absent.

Und zurecht dürft Ihr von uns einen Übernachtungstipp erwarten: wir haben uns für die beiden Nächte im ehemaligen Landgut des Industriepioniers Alfred Borsig einquartiert. Kein Schnäppchen, aber ein geschmackvoll restauriertes Quartierhaus als Hotel mit angeschlossenem Restaurant, den Seeterrassen, von denen aus man einen unerhört schönen Blick auf den Groß Behnitzer See und die umliegende Parklandschaft hat. Wenn doch nur diese erhaben-souveräne Szenerie ihren Widerhall in der Qualität der Küche finden könnte? Dann wäre das Landgut A. Borsig eine veritable Station des Glücks.

Authentischer Charme der industriellen Gründerzeit trifft auf die dezente Eleganz des modernen Interieurs: Das Speiserestaurant "Auf den Seeterrasen" des Landguts A. Borsig in Groß Behnitz.

 

Beitrag drucken Beitrag drucken

Ihre Meinung

green red blue grey