Wer einmal lügt, dem vertraut man als Minister?

Meine Eltern haben mir (raz) eine tendenziell wertkonservative Ethikerziehung angedeihen lassen – so zwischen Kants kategorischem Imperativ auf der Hardcore-Seite und dem deutlich kompromissbereiterem „Leben und leben lassen“ im Softskill-Bereich. Mit diesem ethischen Cocktail kann ich bis heute verhältnismäßig viele – manchmal sogar kniffelige – Situationen analysieren und zu (für mich) brauchbaren Handlungsleitlinien gelangen. Eine dieser Leitlinien aus meiner Kindheit lautete: Wer einmal lügt, dem traut man nicht. Nun sind Verben wie lügen, schummeln, täuschen und (die Wahrheit) verschweigen allesamt starke Tätigkeitswörter, die ähnliche, aber gewiss nicht identische Bedeutungen haben. Aber ihnen allen ist gemeinsam, dass sie Verhaltensweisen eines Menschen beschreiben, die darauf abzielen, um des eigenen Vorteils willen, andere etwas glauben zu machen, das so nicht stimmt. Das gilt nicht zufällig auch für das wunderschöne deutsche Verb des Abkupferns. Jeder weiß, weshalb mich in diesen Tagen derartige Gedanken umtreiben.

Meine aktuelle Empörung (damit verschafft sich eben die oben erwähnte Softskill-Antipode in meinem Denken Gehör) gilt nicht einem Minister, der seine Dissertation vor zwei Tagen öffentlich als „Blödsinn“ qualifiziert hat und heute im Deutschen Bundestag als das fatale Ergebnis einer Selbstüberschätzung und persönlichen Überlastung zu erklären suchte. Meine Empörung hangelt sich an folgenden Fragen entlang:

1. Wie weit kann ich einem deutschen Verteidigungsminister in staatsrelevanten Fragen trauen, der bereits in privaten, seine akademische Ausbildung betreffenden Fragen Fehlinformationen eingestanden hat? Welches Vertrauen werden/können ihm seine untergebenen Soldaten entgegenbringen?

2. Wie lässt sich der Unterschied in der Beurteilung rechtfertigen, dass das Fehlverhalten einer Kassiererin, die einen Getränkebon unerlaubter Weise „eingesteckt“ hat, zur Kündigung des Arbeitsverhältnisses (Grund: Verlust der Vertrauensbasis) führt, während die Kanzlerin ihren Regierungssprecher deklamieren lässt, dass die Verfehlungen des Ministers bei seiner Dissertation nichts mit seinem Amt im Kabinett zu tun habe?

3. Welche Vorstellungen hat ganz offensichtlich so zirka die Hälfte der bei diversen Votes abstimmenden Menschen in diesem Land von der Art und Weise, wie Wissenschaft funktioniert, wenn sie akzeptieren, dass es eine hinnehmbare Lässlichkeit ist, in wissenschaftlichen Arbeiten zu schlampen (um das Mindeste über das Vorgehen des in Frage stehenden Doktoranten zu sagen)?

4. Was ist eine Promotion – übrigens mit dem Premiumlabel „summa cum laudis“ – noch wert, wenn es Universität, Fakultät und Doktor“vater“ nicht schaffen, selbst derart krude Elaborate als (O-Ton KTzG) „Blödsinn“ zu erkennen, was dem Autor nach nur einer Wochenendlektüre gelang?

Unterhaltsam, aber gewiss nicht entblödend: http://www.open.ac.uk/openlearn/history-the-arts/culture/philosophy/lie-or-not-lie

Ich habe diese Website vor allem eingerichtet, um  ein bisserl mehr Spaß in diese Welt zu bringen – was nicht bei allen Themen möglich ist. Aber mein Stöbern in dieser Sache führte mich über den Blog der Berliner Informatik-Professorin Deborah Weber-Wulff auch auf das schöne Fundstück zum Thema Lügen oder nicht von der britischen Open University.

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1 Kommentar

  • Michael Simm - Mittwoch, 23. Februar 2011

    Mich hat´s auch schon sehr gejuckt, mich über den Lügenbaron auszulassen. Nun hast Du in Deiner eloquenten Art das bereits umgesetzt und ich kann erst mal nur applaudieren. Schlimmer als Lug und Trug durch den Minister finde ich allerdings die Naivität jener 200000 Facebook-Freunde Guttenbergs, die dieses Verhalten mit dem Abschreiben in der Schule vergleichen und unsereins einer Hetzjagd beschuldigen.
    Sie sollten sich vom Osterhasen folgende Bücher wünschen:“Felix Krull – Bekenntnisse eines Hochstaplers“ und „Der Hauptmann von Köpenick“

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