Treffer bei Tettnang

Treffer bei Tettnang

Zufall war’s keiner. Im „Feinschmecker“ haben wir eine appetitanregende Notiz über das Gasthaus Lamm im Kau gefunden und dort kurzerhand im Februar 2011 einen Tisch fürs Abendessen gebucht. Unterkunft direkt am Flecken – dem Teilort „im Kau“ des zirka 3,5 km entfernten Tettnangs? Fehhlanzeige. Wir nächtigten zirka 2,5 km entfernt im Landhaus „4 Jahreszeiten“ in Dillmannshof – einem Teilort des zirka vier Kilometer entfernten Eriskirch. Das war unser eigentliche Spot, denn wir wollten dort am nächsten Morgen eine Wanderung durchs Eriskicher Ried machen, um die gefiederten Wintergäste auf dem See per Fernglas zu entdecken. Aber das ist eine andere Geschichte über unsere Wanderung am nächsten Morgen.

Super Service

Zurück zum Lamm im Kau. Die wirklich gemütliche, durchaus „holztäfelungslastige“ und in mehrere „Teilräume“ gegliederte Gaststube ist keinesfalls überladend barock, sondern einfach nur zum Wohlfühlen. Das ist der Service übrigens auch: Schnell, charmant, effektiv, unaufdringlich aber gerne zur Auskunft bereit. Also auf die Gefahr hin, dass wir jetzt irgendeine Organisation des deutschen Restaurations-Service-Verbandswesen auf den Plan rufen: Aber nach unserer Erfahrung muss man lange suchen, um im ambitionierten Speiselokalgewerbe der Gasthausliga einen derart perfekt organisierten angenehmen Service zu erleben. In dieser Disziplin ist das Lamm im Kau bestens aufgestellt.

Übrigens, damit besagter Service-Verband so richtig wütend auf uns sein kann: Am nächsten Tag steuerten wir nach einer ausgiebigen Wanderung Langenargen an (ein besuchenswerter Flecken am See), um in einem der beiden (das erste war rappelvoll besetzt) im Februar geöffneten Cafés an der Hafenpromenade einen Cappuccino in der Nachmittagsonne zu genießen. Wir genossen die Nachmittagsonne 30 Minuten lang. Sehr sogar. Vor leerem Tisch. Die beiden Bedienungen, die so zirka 40-50 Kaffeegäste (eine wirklich leistbare Aufgabe) zu versorgen hatten, übten sich in der wichtigsten deutschen Service-Disziplin: „Bloß weggucken, sonst sieht Du womöglich noch all die verzweifelt winkenden Gäste, die bestellen wollen oder gar zu bezahlen wünschen“.

Beherzt das Essen

Die Speisekarte im Lamm wagt den Spagat zwischen Schnitzel und Suprême inklusive einer Menge zwischendrin. Die bei uns während des Wartens vorbeidefillierenden Schnitzel boten weder olfaktorisch noch visuell Anlass zum Zweifel, dass diese Teller verdammt lecker schmecken könnten. Doch Petra und mir stand es nach Fisch – schließlich befinden wir uns ja noch in Rufnähe zum Bodensee. Also bestellten wir eine klare Fischsuppe vorab und ein auf der Haut in Olivenöl gebratenes Zanderfilet ensuite.

Die Suppe: Oh Boy, oh boy, oh boy. Da steht eine beachtliche Schale, flötet Euch dank des Zitronengrases asiatische Dufttöne zu, hinter denen die leckere Fischbasis des klaren Fonds das Fundament legt. Darin schwimmen wunderbar „al dente“ gegarte Gemüsestreifen und aufs Vorzüglichste gar gezogene Filetstreifen von Fischen, die nicht nur, aber auch aus dem Bodensee kommen. Geschmackseindruck: Richtig klasse. Beherzt gewürzt, sorgfältig (auch hinsichtlich des Timings) und üppig  bestückt. Allein für solche eine Suppe werde ich zukünftig im Kau anrufen, falls ich in Friedrichshafen zu tun habe. Die Suppe kommt mit zwei fantastischen Dips: einer bockstarken Mayo und einer  asiatisch „angeschärften“ Rouille (also nix, wenn man noch am Nachmittag Business-Termine hat, aber der Bringer, wenn man abends den Tag Revue passieren lässt).

Der Zander: Er knüpft dort an, wo die Suppe aufhört, nämlich beim beherzten Würzen. Alle Zutaten auf dem Teller machen eine klare Ansage: Zander mit Röstaromen auf der Haut – gekörntes Salz auf der Kruste, das die ohnehin in ihrer Konsistenz erlebbare Frische des Fisches nochmals unterstreicht, dazu provencalische Aromen vom Thymianzweig und den mitgebrateten Tomatenwürfelchen. Yeep. Das schmeckt. Das Gemüse: Fenchel, ebenfalls angebraten und gargedünstet sowie safranisiert. Auch dies sehr dezidiert. Hier sucht der Koch keine „Mehrheitsfähigkeit“ der Geschmackserlebnisse bei seinen Gästen, sondern polarisiert, indem er dem Fenchel (inklusive Fenchelsamen) eine markante Richtung auf den Weg gibt: Love me or leave me. Das getrüffelte Kartoffelpüree, von dem wir ganz stark vermuten, dass es nicht ohne Knoblauch perfekt verrührt wurde (der reichliche Mayo-Konsum während der Fischsuppe trübt unser Urteilsvermögen) , komplettiert das Trio auf diesem Teller. Ja, das ist aromastark und mit Sicherheit nicht jedermanns Ding (auch wegen des Trüffelaromas, das bei mir überwiegend „meerrettichartig“ ankommt). Aber Hallelujah, es ist beherzt. Und in der Qualität der Zutaten und der Zubereitung ebenso gut wie die Suppe. Unser Fazit fällt – wie könnte es bei einer solchen aromatischen Salve auch anders sein – uneinheitlich aus: Mir hat’s superklasse gut geschmeckt, Petra empfand dieses Geschmacksfeuerwerk als zu überbordend (vor allem beim Fenchel, der sich dank der  Fenchelsamen sozusagen im Turbugang präsentierte).

Unser Zwischenfazit: Lecker bis sehr lecker. Und das beste ist: Ihr müsst nie fragen, womit die Speisen gewürzt sind. Man schmeckt es einfach. Ihr werdet die Etagere mit Salz & Pfeffer auf dem Tisch bestimmt nicht vermissen.

Die Getränke

Wir hatten 0,7l  Spudel und 0,7 l Weißwein. Der Sprudel war Sprudel, aber teuer (5 Euro). Der Weißwein (26 Euro) war superb, passte (aufgrund einer leichten, zumindest schmeckbaren Restsüße) wunderbar zur asiatisch anmutenden Suppe und machte dank seines beherzten (das scheint das Zauberadjektiv in dieser Gaaststube zu sein) Säuregerüsts einen guten Job beim Geschmacksfeuerwerk von Zander, Fenchel & Co. Es handelte sich um einen 2009er Auxerois des Bodensee-Weinguts Aufricht in Meersburg-Stetten – wahrlich keine unbekannte Größe in der deutschen Weinwelt. Ach, ich liebe Gaststuben, die einem die Chance bieten, die regionalen Frösche zu zu küssen , die sich auch zuverlässig in Prinzessinnen verwandeln.

Die Preise

Erwartet nicht, dass jetzt hier das Wörtchen „billig“ auftaucht. Wie sollte das auch möglich sein bei dem zuvor Geschilderten. Aber: wir finden, hier wird fast jeder Euro (bis auf diejenigen für die Mineralwässer) preisleistungsgerecht in wunderbare und lang anhaltende Erlebnisse getauscht. Obig geschildertes summierte sich auf 95 Euro für zwei Personen. Aus unserer Sicht angesichts der Atmo, des Service, des Essens und des gesamten „Drumherums“ ein Preis, den wir ohne Reue bezahlt haben. Aber lest bitte noch den nächsten Abschnitt.

Bewertung

Wir haben uns entschlossen, auf unserer privaten Website keine – wie auch immer parametrisierten oder pseudoquantifizierten – Bewertungsskalen oder Punktesysteme anzuwenden, sondern in unser abschließenden Bewertung ausschließlich ein höchst subjektives, emotionales  Werturteil abzugeben.

Wir haben diese Art der Bewertung vor vielen Jahren von einem französischen Gastrokritiker, Guy Pudlowski, zum ersten Mal kennengelernt, und sie hat uns über die vielen Jahre hinweg untrüglicher als jedes Sterne- oder Mützensystem zu denjenigen gastronomischen Orten/Begebenheiten geführt, die uns auch nach zehn oder zwanzig Jahren so taufrisch in Erinnerung sind, dass unser Cortex automatisch Geschmackserlebnisse der Sonderklasse abruft – nämlich Stationen des Glücks.

Das Lamm im Kau ist nach dieser Erläuterung für uns eine Station des Glücks, die wir Euch gerne – das passt zu dessen Küche – beherzt empfehlen wollen.

Um es gleich zu sagen: Verrisse planen wir in dieser Rubrik nicht. Wir merken uns auch nicht, wo wir auf den Rat von Freunden bloß nicht essen sollten. Wir suchen Stationen des Glücks – auf die Gefahr hin, dass das Glück flüchtig ist und für jeden a bisserl anders aussieht.

Nachklapp: Unsere Übernachtung

Die Website des Landhaus 4 Jahreszeiten ist aus unserer Sicht ziemlich verunglückt. Lasst Euch davon nicht abschrecken. Wir können nur sagen: Wir haben uns zu einem fairen „Außerhalb der Saison-Tarif“ sehr wohl gefühlt und wurden aufs Freundlichste als willkommene Gäste behandelt. Im Sommer – wenn das Tageslicht bis weit in die Abendstunden reicht – ist die geringe Entfernung zum Lamm im Kau noch ein Vorteil, denn zu dieser Jahreszeit – kein Taxi / niemand muss fahren –  kann man die vor allem regional fokussierte Weinkarte des Gasthauses ohne Reue intensiv prüfen. Und bis in die  winzige Ortschaft Dillmannshof schwappt der Bodensee-Touri-Rummel nicht hoch.

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