Esperanza bedeutet Hoffnung

Meine momentane Lieblingszeitschrift in Sachen Musik für offene Ohren & aufgeschlossene Hörzentren im primären Cortex „Jazzthing“ widmete Esperanza Spalding im letzten Herbst (No. 85) das Cover. Und ich beschimpfe jetzt alle als „unverbesserliche Chauvis“, die da sagen: „Klar, hätt ich mit dem lecker Mädsche auch gemacht, wo noch in der vorhergehenden Ausgabe ein leicht froschgesichtig fotografierter Herbie (Hanckock) das Heft verkaufen musste.“ Bullshit, wer so denkt. Ohren auf und Augen zu.

Denn, Fazit: Mein lieber Herr Gesangverein, das hat – wie man in der DDR zu sagen pflegte, Weltniveau (mit E.S. als Sängerin und Bassistin). Drei CDs hat Esperanza Spalding in fünf Jahren unter eigenem Namen vorgelegt. Für gewöhnlich meiden wir es, von einem Künster / einer Formation gleich mehrere CDs zu erwerben. Einfach um unsere finanziellen Ressourcen – wie der Finanzexperte  sagen würde – besser zu streuen, damit unser (musikalisches) Portfolio differenzierter aufgestellt ist. Keine Chance bei Esperanza: Wir haben alle drei Scheiben. Sind also, wie die FTD sagen würde, bei dieser Assetklasse voll im Risiko.

Warum?

1. Platte „Junjo“ – ihr Debütalbum von 2005. Super „jazzy“, sehr konzentriertes Triospiel, stark von ihrem Bassspiel getrieben.

2. Platte: „Esperanza“. Ihr bislang erfolgreichstes Album (2008). Also das Ding geht ab, wie Schmitt’s Katze. Es erinnert mich in der Stilistik an die Scheiben, die Flora Purim und George Duke in den 1980er-Jahren gemacht haben. So eine „500-Miles-High“-Euphorie, die schlicht ansteckt. Überwiegend handelt es sich um Eigenkompositionen. Schon das hat Seltenheitswert, weil heute die meisten Debütant(inn)en mit „Konzeptalben“ à la „Guck mal, ich kann auch ‚Feelings‘ neues Leben einhauchen“ auftreten. Nein, Wiederbelebungsmaßnahmen sind Esperanzas Sache nicht. Ihr liegt die Belebung des zeitgenössischen Jazz näher am Herzen. Und die zwölf Takes auf der Scheibe beleben wie grüner chinesischer Gunpowder-Tee. Also an dem Ding führt sowieso kein Weg vorbei. Aber …

3. Platte „Chamber Music Society“ (2010). Für gewönhlich verursachen Streicher auf Jazz-CDs bei mir eine allergische Reaktion die der immunologische Fachmann dem „Sofort-Typ“ zuordnet. Sonderbar. „Chamber Music Society“ hat mich geheilt. Was auf dieser Scheibe zwischen den Musikern abgeht, das sind wunderbar intime Begegnungen der Instrumente. Und so eine „leise“ Platte nach dem „Esperanza-Kracher“ abzuliefern – Hut ab. Für gewöhnlich sind die Nachfolger einer erfolgreichen CD nichts weiter als dessen musikalischer Klon. Hier folgt ein Kontrastprogramm, das vielleicht am besten als alles andere illustriert, wieviel musiklalische Kraft und Kreativität in dieser Musikerin steckt.

Ist Esperanza eine Bassistin oder eine Sängerin oder beides? Die Videos auf Ihrer Website wollen uns glauben machen, als echtes Mädel ist Esperanza multitaskingfähig. Ehrlich ich weiß die Antwort auf diese Frage momentan nicht, denn habe ich sie zum Beispiel noch nirgendwo live gehört.

Den Spagat vokal wie instrumental hinzubekommen, ist in der Musikgeschichte ein rares Phänomen, das für mich bislang unerwarteter Weise bei Trompetern (Louis Amstrong / Chet Baker) noch am besten klappte. Nicht ungewöhlich sind singende Pianist(inn)en: von Paulchen Kuhn („Gib dem Mann am Klavier ein Bier“)  bis – um ein bisserl böse zu sein – zum Ziegengemeckere von Keith Jarret. Aber Spott beiseite. Elliane Ellias und Shirley Horn haben für mich die pianistisch-vokalistische Doppelrolle am überzeugendsten hinbekommen. Bei Esperanza Spalding bin ich mir noch nicht sicher. Ihr Bassspiel ist spitzenklasse und es würde mir persönlich völlig ausreichen. Ihr Gesang ist klasse, auch wenn die junge Stimme auf mich in den hohen Lagen (die sie bevorzugt) manchmal etwas „kieksig“ wirkt. Baut sie diesen Stil zu einer „vocal affectation“ aus, dann würde dies unweigerlich ihr Markenzeichen werden und sie dürfte zur Strafe keine Platte mehr ohne Gesangspart aufnehmen. Ich fänd’s ja echt schade. Oder in Anlehnung an J.J. Cale: We need more bass in this place.

Ach, übrigens. Ich werde niemandem in den Kommentarspalten die Chance einräumen, anzügliche Bemerkungen über die (musikalische) Beziehung zu meiner  Vokal-Freundin Gretchen Parlato zu machen. Ja. Gretchen ist auf Platte 2 & 3 mit von der Partie. Nein, ich fände beide Scheiben immer noch genauso gut, wenn ihre Gesangsspur auf den veröffentlichten CDs gelöscht worden wäre.

Na ja, sagen wir fast so gut.

Und wieviele Sternlein stehen? Also drei Mal vier stehen da locker an Esperanzas Firmament. Von solch einer tollen Musikerin darf man sich getrost noch mehr erhoffen.

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