Sechs Wochen Australien – unser persönliches A bis Z

Sechs Wochen Australien – unser persönliches A bis Z

In diesem Beitrag haben wir unsere Erfahrungen, Erlebnisse und Episoden untergebracht, die uns vor, während und nach der Reise im Gedächtnis haften geblieben sind, und die sich der Systematik der anderen Elemente unseres Australen-Specials hartnäckig und erfolgreich widersetzt haben. Anders als die typischen „Land-Deiner-Träume-von-A-bis-Z-Teile in den Reiseführern werdet Ihr hier wenig Praktisches à la „Apothekenöffungszeiten“, „Bankgebühren“ oder „Creditcards“ finden, sondern Amüsantes bis Nachdenkliches – immer aber unsere höchst subjektive Sichtweise. Den alphabetischen Reigen sollen nicht zufällig die Ureinwohner dieses Kontinents eröffnen:

Aboriginals

Zehn Jahre alt oder vor 10000 Jahren entstanden? Felszeichnungen und -ritzungen finden sich an den unwirtlichsten Orten Australiens bis ins tiefste Outback hinein. Anders als die megalithischen Pendants in Europa verlassen diese Werke oft die Figürlichkeit und erzählen mit Hilfe von Symbolen traumzeitliche Geschichten. Ohne Interpretationshilfe erschließen sich diese Darstellungen dem Betrachter nicht.

Nein, bei all unseer Liebe zur Fotografie haben wir sie nie als „Motiv“ betrachtet. Warum? Wir haben es auf dieser (wie auf unserer ersten) Reise kein einziges Mal geschafft, in eine Art Dialog mit einem dieser Menschen zu treten. Der Grund dafür? Sorry, keine schlaue Antwort parat. Eine geführte „Exkursion“ in ein „echtes“ Reservat? Nö, nicht unser Ding. Mit bettelnden Männern vorm Supermarkt oder flehenden Frauen in der Fußgängerzone ins Gespräch kommen, die „authentic artpieces“ feilbieten? Ihr glaubt doch selber nicht, dass solch eine Ausgangssituation auch nur den Hauch einer Chance für eine richtige Begegnung beinhaltet hätte.

Die besten Einblicke in die traditionelle sowie zeitgenössische Vorstellungswelt dieser Menschen haben uns europäischstämmige Australier(innen) gegeben, etwa Martha, die uns in nur zwei Stunden am Ayers Rock einen fulminanten Crash-Kurs lieferte, welche Bedeutung dieser wahrfaft magisch, noch nicht von der Erosion wegradierte Sandgesteins-Stummel für die Ureinwohner dieser Region bedeutete und vielfach bis heute bedeutet. Wir dagegen hissen die weiße Flagge: Wer als Europäer das Traumzeit-Gedöns, das sonderbarer Weise so viele Intellektuelle hierzulande gerne pflegen, als typisch abendländische Kopf(miss)geburt erkannt hat und fassungslos (weil begriffslos) vor den Mythen und Vorstellungen dieser Menschen kapituliert, der merkt irgendwann, dass sich Sender und Empfänger zwar prinzipiell in Reichweite befinden, eine Inkompatibilität des Codes aber einen Austausch von Botschaften noch verhindert.

Wir sind nicht defätistisch. Irgendwann kann das mit der Funkerei doch noch klappen. Aber dann müssen von unserer Seite deutlich größere Anstrengungen für ein Gelingen des Dialogs gemacht werden (was richtig Zeit kostet und gut vorbereitet sein will). Und es soll keinesfalls nach Hochmut klingen, wenn wir glauben, dass es „auf der anderen Seite“ wahrscheinlich ähnlich großer Anstrengungen bedarf.

Camping

Wenn es um den Titel "Camping- und Caravaning-Weltmeister" geht, müssen die Niederländer eigentlich nur einen Rivalen fürchten: Die Australier.

Hierzulande macht man sich ja gerne über unsere nordwestlichen Nachbarn lustig, die mit allerlei halbmobilen Wohneinrichtungen im Schlepptau deutsche Autobahnen nutzen, um österreichische, schweizerische oder mediterrane Gefilde temporär zu besiedeln. Doch die Lust der Niederländer an der Camping-Kultur ist noch gar nichts, gegen die Lust der Australier, ihr trautes Heim zu verlassen und draußen in freier Natur das Lager aufzuschlagen. Allein die Vielfalt der Camping-Vehikel ist so beeindruckend, dass jeder europäische Hersteller von Wohnmobilen, Wohnwagen, Wohnanhängern & Co eine Australienreise problemlos vom Finanzamt als berufsbildende Maßnahme anerkannt bekommen sollte. Unsere Favoriten sind die niedrigen Wohnanhänger, die im geschlossenen Zustand – also während der Reise von Campingplatz A zu Nachtlagerplatz B – oft nur bis zur Hüfte hochreichen. Aber kaum an der Tagesetappe angekommen, erlebt man ein Wunder der Metamorphose: Aus dem viel zu engen Puppen-Corpus des Anhängers wird in Sekundenschnelle ein bis zu drei Meter hohes texxtiles Haus mit Wohn- und Esszimmer sowie Sommerküche im Erdgeschoss und den Schlafgemächern in der Beletage. Besonders beeindruckend finden wir auch schubladenartige Schlaufauszüge, mit denen sich der bewohnbare Innenraum von Wohnwagen oder Campingmobilen locker verdoppeln lässt, um für die Nacht gerüstet zu sein. Toll, einfach toll.

Graue Nomaden

Unser Nachbar auf einem Campingplatz in Boulia, sozusagen "in the middle of nowhere". Beachtet bitte das perfekte Graunomaden-Equipment mit Feldküche und zusammenklappbarem Wohnschlafanhänger. Selbstredend inklusive batteriegepuffertem Solarpanel, damit Jim (68) auch nach Sonnenuntergang seine Mails vom Laptop aus absetzen kann. Jim erzählte uns, dass er den gesamten (australischen) Winter über im Outback unterwegs ist. Das Wort "Langeweile" hat ihm so gar nichts gesagt.

Dieser Kontinent ist wahrlich in Bewegung. Und mit ihm seine Bewohner. Wir ziehen den Hut vor all den australischen Senioren, die je nach Abenteuerbedürfnis mal „sophisticated“ ein andermal ziemllich „basic“ unterwegs sind. Denn egal, ob 32ft-Winnipeg-Motorhome oder Pickup mit Campinganhänger, für diese mobile und – wie bei uns agile – Generation der Rentner gilt: Der Weg ist das Ziel. Unser Tipp: Solltet Ihr solche Nahbarn auf dem Campgrund vorfinden – mindestes vorbeischauen, sich vorstellen. Bei Sympathie auf einen Kaffee oder ein Bier bleiben, und ihr werdet Dinge erfahren, die Euch im web 2.0 tagelange Recherchen eingebrockt hätten. Die älteren Herrschaften verstehen sich auf etwas,  das selbst für die abgedrehtesten search engines im Web noch Zukunftsmusik ist: Semantische Suche. Will sagen: Man hört Euch zu, kapiert, was Euch interessiert und weiß, wo Ihr das findet. Veronica Pooth könnt’s nicht besser sagen: Hier werdet Ihr geholfen.

Hilfsbereitschaft

Auf Strecken wie dieser waren wir über die ausgeprägte Hilfsbereitschaft der Australier sehr froh. Bei jeder Begegnung zweier Autos hält man kurz an, versichert sich gegenseitig, dass alles ok ist, gibt Tipps über Sehenswertes entlang der Route oder weist auf Gefahrenstellen hin. Wir können euch versichern: Das gibt ein sehr beruhigendes Gefühl.

Stellt Euch vor, Euch geht gleich am ersten Tag Eurer sechswöchigen Reise der Kunststoffknebel an Eurem Campingkocher kaputt, sodass sich die Flamme nunmehr nur mit einer Kneifzange regulieren lässt. Klar, man sucht Ersatz. Ein großer Baumarkt – und liebe BAUHAUS- Hornbach- Praktiker-Fans, ich meine ein wirklich großer Baumarkt – erscheint uns genau das richtige zu sein. Also rein. An der Info gefragt und eine sehr präzise Auskunft bekommen („bis zum dritten Gang vor, dann rechts die Regalwände entlang bis zum ersten Querverbinder, und dort auf der linken Seite“), und schon steht man vor der prächtigsten Auswahl an Benzin-, Gas- und Sonstwas-Kochern und einer Steckwand, an der Druckventile, Schläuche, Roste und tausenderlei andere Ersatzteile feilgeboten werden. Ja, auch Ersatzknebel – so schätzungsweise 20 verschiedene Modelle. Passt eines davon. Der Verkäufer hilft, reißt eine Packung nach der anderen auf, um mir schonend beizubringen: „Nein, für Ihr Modell passt hier nichts“. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er dies gleichsam als Versagen des Baumarkts und seiner Person als Fachverkäufer betrachtet. Seine Mine hellt sich erst wieder auf, als ihm ein anderer Laden in der Stadt einfällt – ein Spezialgeschäft für Campnigausrüstungen. Was macht der Mann? Er geht mit mir zur Info, schnappt sich ein Telefonbuch, sucht nach der Nummer und ruft dort an. Anfrage: Habt ihr für den Methanolkocher XY Ersatzknöpfe?. Die Dame an der Info dort weiß es nicht, sichert aber zu, den Fachverkäufer zu fragen und zurückzurufen. Was auch nach fünf Minuten geschieht: „Ja haben wir“, lautet das Rechercheergebnis. Die Gesichter „meines“ Fachverkäufers und das seiner Kollegin an der Info hellen sich synchron auf. Das Problem ist gelöst. Fast jedenfalls. Denn der Verkäufer merkt, dass es für einen Ortsfremden schwierig werden wird, den Weg zum anderen Geschäft zu finden. Er greift zu Papier und Stift und beginnt einen Stadtplan zu malen, der so gut ist, dass selbst meine Mutter diesen Laden damit gefunden hätte. Leider ist das Prachtstück unter die Räder gekommen. Wir hätten es Euch hier so gerne gezeigt. Die ganze Aktion hat mindestens eine halbe Stunde gedauert, nur um am Ende den Kunden zur Konkurrenz zu schicken, damit sein Problem gelöst ist. Mit Bewunderung und Freude lernten wir so gleich am ersten Tag kennen, was in Australien Hilfsbereitschaft bedeutet. Diese wunderbare Erfahrung hat uns auf der gesamten Reise beeindruckt und wird zu den Dingen gehören, die wir auf Dauer mit Australien verknüpfen.

Königin Geburtstag

Vorsicht bei der Reiseplanung: In jedem australischen Bundesland feiert man den Geburtstag der Königin an einem anderen Tag. Blöd, wenn man dann mit leerer Kühlbox vor den verschlossenen Türen des Supermarkts steht. Die Metallplatte markiert Poeppel Corner, also den Punkt an dem die drei Bundesstaaten Queensland, South Australia und das Northern Territory aneinandergrenzen.

Bei uns gibt es Zeitgenossen die machen den Unterschied von „guten“ zu „schlechten“ Jahren daran fest, auf welchen Wochentag unsere Feiertage fallen. Heiligabend am Freitag, Tag der Deutschen Einheit ein Sonntag? Schlechtes Jahr. Heiligabend fällt auf einen Mittwoch und die Einheit wird montags gefeiert? Prima. Diesen Zeitgenossen sei ein Land zur Auswanderung ans Herz gelegt: Australien. Hier muss Gott Gewerkschaftler sein, denn sobald ein Feiertagsdatum droht, auf einen Sonntag zu fallen, wird der Feiertag kurzerhand auf den darauffolgenden Montag verlegt. Basta, und zwar ganz ohne Schröder. Die Regelung ist einfach, pragmatisch und nachvollziehbar. Insofern hatten wir keinerlei Probleme damit. Allein eine Tatsache irritierte uns dann doch: Der Königin Geburtstag (Australien ist ja bekanntlich im Commonwealth) wird je nach Bundesstaat an einem anderen Datum gefeiert.Also aufgepasst, damit Ihr zur richtigen Zeit „God save the Queen“ intoniert.

Roadtrains & bulldust

Klare Ansage, klare Regeln. Die Trucker solcher Vehikel haben wir zwar nie als als rücksichtslos empfunden, aber die schlichte Fahrphysik gebietet hier: Lieber ausweichen. Und auf jeden Fall: Fenster zu, wenn Euch nicht nach einem Staubbad ist.

Zweifellos zu den imposantesten Begegnungen unterwegs zählen jene mit LKW-Zügen, die drei oder vier Hänger hinter sich herziehen. Wichtigste Regel: Tempo weg, ganz nach links ziehen – wenn’s eng wird auch ganz runter von der Straße. Zweitwichtigste Regel: Fenster und Lüftung komplett zu. Denn ansonsten landet die staubige Pannade kiloweise im Innenraum. Apropos Staub: Ihr werdet vermutlich noch Monate nach eurer Outbackreise auf diesen ziegelroten „bulldust“, der aus irgendeinem Gegenstand rieselt, den ihr bestens eingepackt geglaubt hattet. Die besten Erfahrungen haben wir mit wasserdichten Beuteln gemacht, bei denen die Öffnung per Klettband verschlossen, dann das obere Ende mehrfach eingerollt wird und zum Schluss die beiden äußeren Enden per Bajonetverschluss zugeklipst werden. Kajak- und Kanutourer schwören drauf und auch wir sind zufrieden damit.

Wein

Selbst als Weinfan muss man einräumen: Das Bier passt hundertmal besser zum Outback.

Wer uns und unsere Vorliebe für dieses Getränk kennt, wird sich über das Auftauchen dieses Stichworts nicht wundern. Höchstens darüber, dass wir auf der Basis unserer Reiseerfahrungen hierzu nur äußerst vage Einlassungen vornehmen. Etwa: Wein? Ja, gibt es. Verfügbar in Liquorstores, zu akzeptablen Preisen, in bruchsicheren BIB-Gebinden (Bag in the Box) oder auch in Flaschen. Angesichts unserer Reiseroute, den darauf erwartbaren Straßenbedingungen und der 30-Liter-Kapazität der auf einer zweiten Autobatterie „laufenden“ Kühlbox, in der Lebensmittel für sechs bis neun Tage verstaut werden mussten, werdet ihr nun hoffentlich keine erhellenden Degustationsnotizen eines Chardonnay vom Margaret River oder des perfekt auf 18 Grad temperierten Pennfolds bin no. 9 erwarten. Die gute Nachricht lautet: Die Zwei- oder Drei-Liter-BIBs mit rotem „Merlot“ oder „Cabernet“ von den großen Erzeugern sind nichts, worüber der Weinfreund ein Wort verlieren müsste. Wer aber wie wir als Wein-Afficionados im Outback unterwegs ist, darf immerhin sagen: Abends am Lagerfeuer geht’s runter wie Öl. Und das Versprechen an die (ernsthaften) australischen Weinproduzenten ist gemacht: Ja, zürück zu hause, wird eine ehrliche Australien-Weinprobe gemacht. Einen Sociando-Mallet als Piraten unter den önologischen Schätzen downunder hatten wir blöderweise nicht dabei.

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