Sechs Wochen reisen – sechs Monate vorbereiten

Sechs Wochen reisen – sechs Monate vorbereiten

Oder: Nach der Reise ist vor der Reise

Wir haben es wieder gemacht. Im (Nordhalbkugel-)Sommer 2010 sind Petra und ich zu unserer zweiten Australienreise aufgebrochen. Während uns die erste Reise in den Westen (von Perth bis Darwin) führte, aben wir uns für diese Tour eine Schleife ausgedacht: beginnend in Brisbane über das Rote Zentrum und ostwärts retour via Simpson Desert in den Nordosten von Queensland mit dem Zielpunkt Cairns. Insgesamt cirka 8500 Kilometer, so dass wir die Großzügigkeit von Petras Arbeitgeber bis zur Belastungsgrenze in Anspruch nehmen mussten, um ausreichend Zeit für diese Route zu haben.

Hongkong International Airport - Der Peoplemover von und zu den Gates war so ziemlich das Einzige, was sich während unserer Warterei bewegt hatte.

Da unser Hauptinteresse bei dieser Reise der Natur galt, hätte es nämlich nichts bebracht, die Kilometer im Expresstempo herunterzuspulen. Unser Reisekonzept sah vielmehr so aus: Auf der Route die für uns attraktiven Spots festlegen und diese mit möglichst kurzen Strecken (in downunder ein äußerst dehnbarer Begriff) verbinden. In der Praxis heißt das: Möglichst viel Zeit zum Wandern, Gucken und Staunen an den Spots reservieren und die Distanzen dazwischen zügig überwinden. Das Flugzeug kam dabei indes nicht in Frage, da man mit diesem Verkehrsmittel zwar relativ schnell Distanzen „überwinden“ kann, aber niemals reisen. Apropos Flugzeug: Selbst bei der An- und Abreise haben wir uns so richtig die Kante gegeben – Flüge mit Cathey Pacific Frankfurt – Hongkong – Bisbane, respektive Cairns – Hongkong – Frankfurt, und zwar „in einem Rutsch“. Holzklasse, versteht sich.

Zwischen drei und sechs Stunden Zwischenstopp hatten wir in Hongkong. Zum Warten ziemlich lang(weilig), für einen kleinen Ausflug in die City zu kurz.

Zwischen drei und sechs Stunden Zwischenstopp hatten wir in Hongkong. Zum Warten ziemlich lang(weilig), für einen kleinen Ausflug in die City zu kurz.

Vorbereitung ist die halbe Miete …

Klar, auch wir hatten viele Stationen auf der Liste, für deren Vorbereitung es tonnenweise Infomaterial gibt. Doch zum Beispiel mit der Durchquerung der Simpson Desert waren auch Programmpunkte auf der Liste, bei denen es selbst dank Internet aufwendig ist, gute, also verlässliche und ausreichend konkrete Informationen zu erhalten. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an Rainers tollen outback-guide (eine wahre Schatzkiste) sowie die Reisebeschreibungen von Karin und Markus aus der Schweiz sowie Jörg aus Schleswig-Holstein. So individuell und persönlich diese Quellen auch sind, sie haben uns auf die eine oder andere Art gut weitergeholfen (und im Vorfeld der Reise mächtige Fernwehattacken ausgelöst). Verblüffend war andererseits, dass es – zumindest uns – relativ schwer fiel, auch bei „Pflichtstationen“ an der Ostküste, schnell an die gewünschte Info zu gelangen. Beispiel gefällig? Unsere Frage war, wie stellt man es am besten an, um als Schnorchler die Schönheiten des Barrier Reef zu sehen und zwar möglichst ohne dabei auf einem Rummelplatzponton zu landen? Von der Küste aus? Von vorgelagerten Inseln aus? Eher im südlichen oder doch besser im nördlichen Abschnitt? Also wir fanden, da wird auf vielen Sites ziemlich um die Antworten herumgeeiert. Tatsache ist: Das Außenriff ist zwischen 80 und 160 km von der Küste entfernt. Wer also so etwas ähnliches sehen will wie das was im Discovery Channel rauf und runter läuft, muss da raus. Küste nix gut. Inseln: nicht viel besser. Unsere Erfahrung war: Der Nordabschnitt ist besser als der Südabschnitt, da vielfältiger in seiner Riffwelt und dank geringerer Entfernungen zur Riffkante. Aber mehr dazu im entsprechenden Reiseteil. An dieser Stelle nur noch ein Tipp: Lasst Euch bei der Vorbereitung Zeit. 1. Wer mehr weiß, sieht und erlebt mehr. 2. Wer unterwegs nicht anfangen muss, Pläne zu schmieden oder Notwendigkeiten zu organisieren, hat mehr Zeit für Reiseerlebnisse und Reisespaß. 3. Wer seine Reise sorgfältig vorbereitet, hat schon lange vor dem Abflug ein wunderbar wohliges Gefühl von Fernweh und Sehnsucht.

Die „üblichen Verdächtigen“ unter den Australien-Infoseiten sind sehr einfach und im Handumdrehen zu finden. Schon bei der Vorbereitung merkt man als Besucher in spe, dass Australien ein Reiseland ist, dass seine Besucher willkommen heißt und ihnen das auch mit Top-Infos gerne schon vorab signalisiert. Hier nur ein einziger Hinweis, der vor allem beim Tourenplanen und für GPS-Fans hilfreich sein könnte, nämlich das umfangreiche Portal von ExplorOZ – klar, die haben darin auch einen Shop, aus dem sie ihren Besuchern gerne etwas verkaufen, aber schon die frei verfügbaren Infos, Foren und Blogs sind umfangreich und wertvoll. Wer Mitglied wird, bekommt noch eine Ecke mehr. Das Stöbern auf dieser Seite hat zudem den angenehmen Nebeneffekt, dass man aufgrund der Diskussionen und Chats schon eine ganze Menge über die unbändige australische Lust am Reisen erfährt (Ansteckungsgefahr garantiert). Und wenn’s um die aktuellen Straßenbedingungen geht, ist die Seite der RACQ ein (gratis) One-Stop-Shopping-Center. Diesen Service sollte jeder nutzen, am besten – und falls es die Internetverfügbarkeit im Outback zulässt – zuletzt nochmal kurz bevor man eine eventuell kritische Strecke befahren möchte. In unserem Fall war es beispielsweise so, dass die Durchfahrt der Simpson bis nach Birdsville erst ein paar Tage vor unserer Fahrt dorthin als möglich angegeben war. Sehr gut fürs Berechnen der erforderlichen Spritmenge dann noch der Hinweis auf zwei zusätzliche, insgesamt 120 km lange Umwege. Die fünf Aussiedollar für den halbstündigen Internetzugang in Alice Springs waren also gut angelegt, denn bei einer geplanten Streckenlänge von etwas über 600 km bis zur nächsten Zapfsäule können einen solche Umleitungsschilder selbst bei 2 x 90 Liter-Dieseltanks etwas nervös machen, wenn man die bei der Treibstoffberechnung „nicht auf der Karte“ hatte.

Ihr ahnt gar nicht, wie glückselig sich das Gesicht mancher Simpson Desert-Durchquerer aufhellt, wenn sie in Birdsville diese kuschelige Service-Station ansteuern. Da fließen schon mal Freudentränen.

So, und wenn ihr glaubt, das bisherige war Werbung, dann wartet ab, was jetzt kommt: Es ist gewiss nicht Jedermanns Sache, Wellblechpisten, Flussbetten und Tiefsandstrecken zurückzulegen. Wir bevorzugen zum Beispielspiel frisch geteerte, komfortable Highways. Allein, diese Asfaltbänder führen nicht immer dahin, wo es uns hinzieht. Wir sind also keine Allrad-Enthusiasten. Das libidinöseste, was man über unser Verhältnis zu diesen Vehikeln sagen kann, ist, dass wir sie nutzen, wenn’s halt ohne sie nicht geht. Und einige der Hotspots, die wir auf unserer Planungskarte mit fünf Sternen (höchste Wertung) eingemalert hatten, waren so abgelegen, dass man erst im  250000er-Maßstab (das reicht einem Australier in der Regel als Wanderkarte) so etwas ähnliches wie eine Zufahrt entdecken konnte. Rasch war klar: Ein 4WD muss her, und zwar keines von den trendigen Spaßmodellen, sondern „real stuff“. Darunter verstehen wir, weil wir diesen Dinosaurier mittlerweile ganz gut kennen, einen Toyo Landcruiser. Am besten „elektronikfrei“ (was es heute leider kaum noch gibt). Allrader bekommt ihr bei 1000 und einem Anbieter in Australien. Wir haben – nach der Lektüre diverser und zum Teil deutlich tougherer Touren – immer wieder einen Namen gelesen, nämlich den von Bruno Frischknecht. Er betreibt mit seiner Frau und seinem Kompagnon Chris Boller seit vielen Jahren das Travel Car Centre. Dort haben wir unseren Troopy gebucht. Kein Schnäppchen, aber preislich kompetitiv. Und es war von allen gemieteten Troopies, die wir bislang hatten, dasjenige, das am besten in Schuss war. Uns ist der Vermieter eine klare Empfehlung wert. Und wenn Bruno und Chris statt der Spiezeugschaufel noch einen ernsthaften Spaten für den wunderbaren Sand der Simpson ins Auto gelegt hätten, würde ich das Lob eventuell sogar singen. So haben wir auf der Suche nach einem adäquaten Buddelwerkzeug einen gigantischen Baumarkt kennengelernt, bei dem der deutsche Hobbyhandwerker kreissägenrunde Augen bekommt.

… gutes Kartenmaterial die andere Hälfte

wer wie wir, für Wanderungen und Spezialtouren ein gutes Navi mit Top(o)-Kartenmaterial und sorgfältig ausgearbeiteten Tracks bevorzugt, wird Australien schon für sein kostenfrei verfügbares Kartenmaterial lieben. Während viele Menschen in Europa locker um die 200 Euro für einen Topo-Kartensatz von Deutschland, Frankreich oder die gigantische Weite  des schweizerischen Konföderationsgebiets berappen müssen, holt sich der Australienreise einen beeindruckend brauchbaren Kartensatz von Australien im absolut ausreichenden 1 : 250000-Maßstab für Planungssoftware und Navi für umme und zwar die shonkymaps. Die nach Meinung vieler Menschen (inklusive uns beiden) besten Papierkarten von Australien gibt es bei HEMA, wo auch für entsprechend Bares digitale Pendants verfügbar sind, die sich aufs Beste mit der wohl populärsten (ebenfalls kostenpflichtigen) Planungssoftware, dem OziExplorer versteht. Mit diesem Material haben wir jedenfalls unsere Reise bestens planen und vor Ort – so es die Umstände erforderten – unkompliziert umplanen können.

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