Feuilletonistische Pirouetten um Mondrian

Feuilletonistische Pirouetten um Mondrian

Wisst Ihr, was wissenschaftsjournalistische Esel machen, wenn es ihnen zu gut geht? Ja, auch sie begeben sich aufs Glatteis. Die gefährlichste Spielart dieses rutschigen Untergrunds besteht für unsere Profession darin, Journalisten anderer Ressorts zu bezichtigen, sie würden das tun, was unsereins regelmäßig vorgeworfen wird, nämlich entweder unverständliches Zeug zu schreiben, das  keiner versteht, das aber jeden beeindrucken soll, oder aber mit Metaphern um sich zu werfen, bei denen das Fass der Krone den Boden aus der Zacke schlägt.

Gewiss, hin und wieder gelingt es uns positivistischen Faktenhubern unter den Journalisten, diesem Image gerecht zu werden. Aber – und jetzt mache ich den ersten Schritt aufs rutschige Parkett – auf unverständliches Wortgeschwall, verbales Pirouettendrehen und selbstverliebtes Zisellieren von Texten haben Wissenschafts- und Technikjournalisten kein Exklusivrecht. Das können auch andere.

Und damit ich schließlich auch mit dem zweiten Bein Glatteis unter die Sohlen bekomme, darf ich Euch ein Beispiel aus dem Onlineangebot der guten alten FAZ, also dem  FAZ.NET geben. Es geht um eine Rezension einer Mondrian-Austellung im Pariser Centre Pompidou. Der Maya-Kultur wurde aufgrund ihrer überbordenden Ornamentik „die Angst vor der Leere“ bescheinigt. Werner Spies, der Autor dieser Ausstellungsbesprechung, scheint unter einer verbalen Form dieser Angst vor der Leere zu leiden. Aber er weiß sich zu helfen. Er bekämpft sie mit einer Maximaldosis an Adjektiven. Ich zitiere: „Nun breitet das Centre Pompidou in einer superben Szenographie das aus, was die rigoroseste Antwort auf die chamäleonartige Avantgarde und die panische Angst vor der verfließenden Zeit zu geben vermag.“ Wem von Euch so wie mir als Wein-Fan das – nebenbei bemerkt überaus empfehlenswerte – Handelshaus Pinard de Picard vertraut ist, wird sich automatisch an Timo Seiwerts Superlativ-Oden in den dortigen Pinwand-Newsletters erinnert fühlen und sich erstaunt fragen: Schreibt Timo jetzt unter Pseudonym für die FAZ? Und warum? Sein Laden läuft doch wie geschmiert.

Geschmäcklerisches Rumgekrittel, sagt Ihr? Nun ja, ich hab’s halt verbal gerne eine Nummer kleiner. Aber das ist ja beileibe nicht alles. Also mutig den nächsten Schritt aufs Eis: Im weiteren Verlauf des Textes wandelt sich dieser nämlich zu einer Arche Noah für bedrohte Fremdwörter. Vor der sprachlichen Sintflut der Internetdummdödelei retten sich dorthin so aparte Begrifflichkeiten wie die „infinitesimale Variation“, oder der „neurasthenische Ekel“. Das Trio „Palimpset“, „Ikonoklasmus“ und „Allusion“ suchen auf dem Mitteldeck Schutz vor dem Absaufen in der Sprachkultur im Web 2.0. Und das „Nunc stans“ kuschelt sich mit dem „ikonographischen Minimum“ an die Trost spendende Brust der „perzeptuell erfassbaren Welt“.

Während Mondrians geometische Abstraktionen nach dem Urteil des Autoren mit einem ikonographischen Minimum die Leinwand füllen müssen, gönnt sich der Autor bildsprachliche Üppigkeit mit folgender Metapher: „Die Verwendung des Eis (Anm. raz: hier ist das ovale Hühnerprodukt gemeint) unterstreicht die anschwellende Redundanz, die der Künstler kurz zuvor noch durch den rhythmischen Wellenschlag des Ozeans veranschaulicht hatte.“ Ja, die Welt ist kompliziert: Ein Bild kann zwar mehr als tausend Worte sagen. Doch mitunter schaffen es selbst tausend sprachliche Bilder nicht, ein einziges verständliches Wort hervorbringen.

Ein Gutes hat die Lektüre dieses Beitrags gehabt: Mein infinitesimaler Verstand zwang mich dazu, mich mit allerlei Allusionen auseinanderzusetzen, damit mir das Nunc stans klar und deutlich wie Schuppen vom Haupthaar fiel. Jetzt bin ich von meiner Neurasthemie im Sprachzentrum befreit und perzeptuell wieder topfit für den nächsten Beitrag. Macht Euch auf ‚was gefasst. Wenn’s dumm läuft, werde ich mir Piets Szenographie darselbst anschauen – und Euch von meinen perzeptuellen Allusionen berichten. Aber natürlich nur das ikonographische Minimum. Das aber mit anschwellender Redundanz.

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