Anything Goes

Anything Goes

Charlie Hadens  nicht so abgeklärte Frauen

und ein  bemühtes Globalisierungs-Projekt

von Herbie Hancock

Es gibt Musiker, die dürfen bei mir alles (spielen). Herbie Hancock ist einer aus dieser Riege. Charlie Haden ebenso. Das dachte ich zumindest bis heute.

Ja, und was machen die beiden jetzt so? Genau. Neue CDs. Charlie Haden und sein über jeden Zweifel erhabenes Quartet West offerieren uns Sophisticated Ladies. Und Herbie, die alte Schwarte, schiebt uns „The Imagine Project“ über die Theke. Fangen wir also – „Ladies first“ – mit Charlie Haden an. Ich gebe zu, ich bin verdammt voreingenommen. Stehen da so hippe Namen wie Melody Gardot, Norah Jones oder Cassandra Wilson auf dem Cover, denke ich gleich: Na ja, wenn’s die musikalische Quali nicht bringt, müssen halt die Mädels für die Kasse sorgen. (T’schuldigung. Kommt nicht wieder vor). Also reiß‘ ich mich zusammen und die Ohren auf.

Der Opener „If I’m Lucky“ gesungen von einer gewissen -ahmm- Melody Dingsda. 5min 40 s und das Ohrenschmalz setzt die Gehörgänge zu. OK. Wozu gibt’s Wattestäbchen.

Take 2: Sophisticated Lady. Mein Gott, das ist das Lied, bei dem man von dem Arrangement Duke Ellingtons so gerührt war, dass es auch nichts ausmachte, dass der total betrunkene Johnny Hodges nach dem Solo-Intro wie ein nasser Kloß auf seinen Stuhl zurücksackt. Und dann das.

Take 3: Da intoniert eine Norah Witzliputzli die Phrase aus Ill Wind, die ich schon hundertmal besser aber erst zweimal schlechter gehört habe. Das soll ich abkaufen? Musikalisch: Nein. Ökonomisch: Oh nein, danke. Lassen ’se mal stecken.

Also irgendwie, so hoffe ich, versteht Ihr, dass ich keine erschöpfende Kommentierung bis zum 12. Take geben kann.

Ich stehe fassungslos davor und muss fragen: Was reitet einen Musiker wie Charlie Haden, so ein Ding zu machen. Kein Riestervertrag zur Altersabsicherung? Steuerschulden?

So, let’s have fun with the boys.

Nun, ich hätte gewarnt sein müssen. Die PR-Poeten von Herbies Plattenfirma sprechen von einem Crossover-Album. Ein mir bekannter Koch definierte Crossover-Küche neulich so: „Hau rein, das Zeugs, hinterher schmeckt’s jedem“. Und so kommt dann eine Tracklist raus, die mit „Imagine“ (Featuring Pink, Seal, India Arie & Jeff Beck) bemüht weltmusikalisch globalisiert eröffnet. Soll ich Euch was sagen. Das ist nicht das lausiglichste Stück auf der CD. Nach dem Detlev Buck’schen Motto „Wir können auch anders“, haut Herbie da Sachen wie „Tamitant Tilay & dem Marley-Titel Exodus raus, bei dem sich zum Gejohle von Los Lobos nur Tränen der Trauer in den Augenwinkeln breitmachen.

Ja, und dann diese Uptempo-Nummer mit Juanes. E H R L I C H. Seinen schmissigen Schwarzkittelsong (La Camissa negra) hab ich wirklich gemocht. Alles andere, was ich von Ihm gehört habe, war so unterirdisch schlecht, dass selbst der Tiefbahnhof von S 21 als Lichtgestalt dasteht. Auf Herbies Imagine Project singt er „La Tierra“ und das Ding ist so gut, dass ich verführt bin zu sagen, da ist mir die Erde näher als das (schwarze) Hemd.

Und dann sind da noch die Titel mit Céu, Chaka Kahn, The Chieftains (The Times They Are A Changin‘ – Bob Dylan würde sich im Grab herumdrehen, wenn er tot wäre. Was macht er nur jetzt, wenn er das hört?)

Ihr seht, das Werk lässt mich geradezu globalisierend ratlos zurück. Das tut mir um so mehr weh, als ich Herbies musikalisches Hakenschlagen in den 1970er- 1980er- und 1990er-Jahren so umwerfend toll fand, als sich die Graalshüter des Jazz, die Herbies V.S.O.P. Ensemble in keinen höheren Himmel hieven konnten, und  andererseits die Futureshock-LP allzu wörtlich als „Untergang des abendländischen Jazz“ geißelten. Und ich mir bei den funky Rhythmen einen mit der alten Weisheit gefeixt habe: It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing.

Ja also, was soll ich Euch sagen. Charlie keinen Stern (Wenn mich jemand nach der Platte fragt, werde ich im Brustton der Überzeugung sagen: Das ist keine Platte von Charlie. Die hat der CIA in Umlauf gebracht, um Charlie zu diskreditieren“).

Und Herbie: Seht zu, dass Ihr das Juanes-Ding bekommt. Mein Tipp: Auf Herbie Hancocks höchsteigener Website kann man den Song (und drei weitere) in Gänze hören. Vergesst den Rest und lasst Marcus Miller das Funk-Bass-Intro von Futureshock anspielen, um dann die Lautsprecher ganz laut auf das Oberheim-Syntheziser-Thema von Herbie zu stellen. Das macht glücklich.

So, um Christoph Sonntag zu zitieren, jetzt ist das auch geschwätzt.

Puh, das war mein erster Verriss.

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