Digital – Analog: 20:20

Digital – Analog: 20:20

Vor einigen Jahren sind endlich auch wir umgestiegen: von der guten alten Photographie – so richtig mit Diafilmen, Schwarzweiß-Negativen, Entwicklungslabor, Dunkelkammer, sowie Cibachrome, Ilford und Co übergelaufen zu den Digitalos.

Über die Segnungen dieses Konvertierens berichten wir ein andermal. Hier gilt es, einen Fundamentalirrtum zu belichten, dem wir zunächst unterlagen  und der seitdem  – je nach Vollständigkeit des mitgeführten Equipments – kiloschwer auf unseren Schultern lastet. Gemeint ist das Gewicht von Kamerabodies, Objektiven, Blitz, Stativ und anderem Geraffel.

Dabei sah im Laden alles so gut aus: Das Gehäuse der niegelnagelneuen Nikon D 80 war handlich, leicht und machte dennoch einen robusten Eindruck. Extra Motor für den schnellen Filmtransport? Der Verkäufer bekam einen Lachanfall. Was bitteschön soll ein Motor  in einer DSLR schon bewegen – die Elektronen im CCD-Chip? Wow – dachten wir. Weil wir mussten an unsere gute alte Canon F1n denken. Mit deren Ganzmetallgehäuse lassen sich zwar zur Not auch Zaunpfähle in den Boden rammen (was man beim Fotografieren eher selten braucht). Dafür wiegt der bildgebende Vorschlaghammer nebst Motordrive und Batteriepack (allein 12 Batterien AA-Größe) so gut und gerne 3,5 Kilo. Das D80-Gehäuse baumelt gerade einmal mit 687 Gramm entspannt an der Schulter.

Doch mit dem Objektiv, das der Verkäufer ins Bajonet einklinkte, toppte die Digi-Kombi erst recht: ein 18-200 mm Digi-Zoom, das wir  kurzerhand „Wollmilchsau“ nennen: Vom mittleren Weitwinkelbereich bis zum stattlichen Tele (aufgrund des Cropfaktors der DSLR im Kleinbild-Bereich vergleichbar einem Abbildungsbereich von 27 mm bis zum Dreihunderter) war die D80 mit der „Wollmilchsau“ für 98 Prozent aller Fotosituationen bestens gerüstet. Kampfgewicht: 1331 Gramm. Verglichen mit meinem heiß geliebten 35 mm (f:2), dem nie so recht geliebten 70-150er-Zoom (f:4,5) und der fantastischen 200mm-Festbrennweite (f:2,8) aus dem analogen Canon-Stall fühlte sich das so an, als würde ein Fliegengewichtsboxer einen Sumoringer wegputzen. Das Analog-Equipment bringt es nämlich auf das sechsfache Gewicht.

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Wahnsinn dachten wir – Freiheit für die Schultern. Nie wieder Verspannungen und Diclofenac! Nie wieder Diskussionen beim Check-in, wegen des Übergewichts beim Handgepäck!

_RAZ5705.jpgAber das dachten wir nicht lange. Was war geschehen? Nun, die D80-plus-Wollmilchsau-Kombi blieb nicht lang allein. Ein Weitwinkelzoom (12-24 mm) sollte die Möglichkeiten der Landschaftsfotografie erweitern. Ein 105er Makro musste her, weil wir die überragende Quali des analogen Minolta-Makro (100 mm f:3,5) – die Optik wurde seinerzeit von den Leitzianern in Wetzlar berechnet und auch gefertigt – mit seinen rattenscharfen, plastischen Abbildungseigenschaften bei der Wollmilchsau selbstredend vermissten. Und letztes Jahr kam dann noch ein 70-200 mm-Zoom (durchgehend f:2,8) hinzu, weil das Teil so gnadenlos gut ist, dass man sogar den neuen Nikon-Zweifachkonverter draufschrauben kann, ohne viel Quali zu verlieren. Dann hat man – wieder „übersetzt“ auf analoge Kleinbild-Verhältnisse eine 600er-Tüte mit Anfangsöffnung f:5,6 und das ganze mit einem unglaublich gut funktionierendem Bildstabilisator. Hammerhart sage ich Euch. Die Trefferquote in der Tierfotografie ist gegenüber meinen früheren Novoflex-Zeiten (Stichwort Schnellschussobjektiv) signifikant angestiegen. Auch ein zweites Gehäuse musste her. Auch, damit wir uns nicht ständig um die Verfügbarkeit der Kamera kabbeln müssen. Aber: Versucht doch mal ohne Hilfspersonal und freihändig, die klobigen Wechselobjektive einer DSLR zu wechseln, ohne eines davon auf dem (matschigen) Boden „zwischenzulagern“. Zu analogen Zeiten ging das erheblich einfacher. Die Konsequenz: Man denkt heute viel eher über ein weiteres Gehäuse nach – schon wegen der Gefahr, dass beim Objektivwechsel Staub und Dreck auf dem Tiefpassfilter hinterher Photoshop & Co. auf den Plan rufen.

Ihr ahnt  bereits, welch unausweichliches Fazit diese Geschichte hat. Machen wir’s also kurz: Im Duell analog gegen digital trennen sich die beiden Mannschaften am Ende mit einem handballtauglichen 20 : 20 (Kilo). Die Diskussionen am Check-in-Schalter gehen digital ebenso weiter wie das analoge Krafttraining in der Muckibude, um die Schultermuskulatur für die Digitaltechnik fit zu halten.

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